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Vom Küstenschutz zur Hochseeflotte

Flottenparade bei der Einweihung des Kaiser-Wilhelm-Kanals 1895. Gemälde von Alex Kirchner. (Quelle: MSM)

Flottenparade bei der Einweihung des Kaiser-Wilhelm-Kanals 1895. Gemälde von Alex Kirchner. (Quelle: MSM) (Quelle: Presse- und Informationszentrum Marine)

Nach der eher bedeutungslosen Rolle der Marine in den sogenannten deutschen Einigungskriegen 1864, 1866 und 1870/71 wurden die Marinebehörden der Norddeutschen Bundesmarine 1872 zur "Kaiserlichen Admiralität" zusammengefasst, als deren Chef der Infanterie-General Albrecht von Stosch (1872-83) berufen wurde. Der ausgezeichnete Administrator erhielt den Auftrag, die Kaiserliche Marine aufzubauen. Gemäß seinem Flottengründungsplan (1873), der nach landmilitärischen Gesichtspunkten ausgerichtet war, sollten im Kriegsfall sogenannte ,,Ausfallkorvetten" einen Belagerungsring um die deutsche Küste sprengen, wohingegen der Armee die Hauptaufgabe der Landesverteidigung zugedacht war. Im Frieden dienten die Schiffe dem Handelsschutz und der Präsenz in Übersee.

Stoschs Nachfolger, der Armee-General und spätere Reichskanzler Leo Graf von Caprivi (1883-88), richtete seine Marinerüstung nach den Lehren der "jeune école" aus und beschränkte sich auf den Bau von Torpedobooten zur Küstenverteidigung, da er einen baldigen Zweifrontenkrieg fürchtete. Lediglich der Seehandel mit den neu erworbenen Kolonien sollte durch Kreuzer geschützt werden. Die abweichenden Ansichten des Reichstages einerseits und der Marineführung andererseits über die Verbindlichkeit des Flottengründungsplanes sowie deren Uneinigkeit über die Einsatzkonzeption der Marine führten dazu, dass die Flotte kein umfangreiches und kampfkräftiges Instrument wurde.

Die Thronbesteigung Kaiser Wilhelms II. (1888) markierte einen Einschnitt in die deutsche Marinegeschichte: Marineangelegenheiten wurden ab sofort zur Kaisersache. In der Epoche des Navalismus und Imperialismus sollte auch die aufstrebende Industrienation Deutschland Seemacht werden und Alfred Tirpitz ihr den Weg dorthin ebnen. Auf der Grundlage der Theorie Mahans entwarf er 1894 in der Dienstschrift IX maritime Bedrohungslagen und leitete daraus die erforderliche Seerüstung des Deutschen Kaiserreiches ab.

Zum Staatssekretär im Reichsmarineamt (1897-1916) ernannt, sollte Großadmiral Tirpitz die neuen Bauvorhaben im Reichstag mit Hilfe von Flottengesetzen durchsetzen, die den Flottenbauplan von 1873 ablösten. Danach wurde beabsichtigt, eine Hochseeflotte bis 1920 zu bauen, welche 41 Linienschiffe, zwölf Große und 28 Kleine Kreuzer sowie 18 Auslandskreuzer und mehrere Torpedobootsflottillen umfasste. Künftig sollte die starke deutsche Flotte einerseits das offensive Vorgehen, auch das einer "Seemacht ersten Ranges" (England), gegen die deutsche Küste verhindern, andererseits sollte sie selbst zur Offensive in europäischen Gewässern fähig sein.

Als mögliche Gegner wurde Frankreich und Russland, aber auch England angenommen, wobei Tirpitz im Kriegsfall mit einer feindlichen Blockade der deutschen Nordseeküste bei Helgoland rechnete. Was unter der Devise auch für Deutschland einen "Platz an der Sonne" (Graf von Bülow,1897) und aus der Sicht von Werftbesitzern und Arbeiterschaft erwünscht schien, belastete den Staatshaushalt erheblich. Zudem führte der schnelle Auf- und Ausbau der Kaiserlichen Marine zu außen- und innenpolitischen Schwierigkeiten: Großbritannien fühlte sich zu einem "Rüstungswettlauf" herausgefordert; die deutsche Heeresrüstung war nicht in dem Maße möglich, wie sie angesichts der Lage des Deutschen Reiches zwischen den Verbündeten Frankreich und Russland von der Armeeführung für notwendig gehalten wurde. Als dann eine Heeresvermehrung nicht mehr aufschiebbar war und die Flottenpläne reduziert werden mussten, war es für eine Verständigung mit England über die Flottenrüstung (Haldane-Mission 1912) zu spät. Auf deutscher Seite war die grundlegende Einsicht in die materiellen und konzeptionellen Grenzen des deutschen Flottenbaus noch nicht genügend gereift. Über dies hatte Kaiser Wilhelm II. schon mehrfach durch spontane öffentliche Äußerungen außenpolitischen Ärger und innenpolitische Verstimmung verursacht, wie z.B. mit der "Krügerdepesche" im Burenkrieg 1896, oder mit der "Hunnenrede" während des sogenannten Boxeraufstandes in China 1900. So führte der Flottenbau des Kaiserreichs zwar nicht zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, aber seine Bedeutung für die Bündniskonstellationen war doch erheblich.

Die Wirklichkeit des Ersten Weltkrieges war dann das Gegenteil der vorangegangenen Einsatzplanungen: Die englische Flotte war aufgrund der Fernblockade zwischen den Shetland-Inseln und Norwegen für die kaiserliche Marine nahezu unerreichbar, da diese sich in ihrem Operationsplan selbst beschränkte. Beide Flotten unternahmen zudem nur selten Vorstöße an die gegnerischen Küsten. So bewahrheitete sich die Vorkriegserkenntnis (1914) der kaiserlichen Admiralität: Man hatte die falsche Flotte gebaut. Im Sommer 1917 traten Gehorsamsverweigerungen (Flottenunruhen / Marinestreik) in der Marine auf, die ihre Ursachen in der kriegsbedingten mangelhaften Verpflegung, weitgehender Beschäftigungslosigkeit der Mannschaften insbesondere der großen Schiffe und Führungsfehlern der Offiziere hatten. Trotz der drakonischen Gegenmaßnahmen, die Admiral Reinhard Scheer einleiten ließ, konnten die an Bord lebenden Mannschaften nicht langfristig von der Sinnhaftigkeit ihres Tuns überzeugt werden.

Nachdem im September 1917 zwei juristisch höchst fragwürdige Todesurteile gegen den Obermatrosen Max Reichpietsch und den Heizer Albin Koebis gefällt und vollstreckt worden waren, mahnte Scheer die Marineoffiziere zwar zur größeren Fürsorge gegenüber den Untergebenen, aber das eigentlichen Grundproblem, die mangelnde Schulung seiner Offiziere in der Menschenführung, wurde nicht behoben. Als Gerüchte über Pläne der Seeoffiziere für eine ,,Todesfahrt" (Walther Hubatsch) der Hochseeflotte zu den Meldungen über die Waffenstillstandsverhandlungen kamen, führte eine Welle von Meuterein und Ungehorsam sehr schnell zum völligen Zusammenbruch der Marine und der Monarchie.

Während der Friedensverhandlungen wurde das Gros der deutschen Flotte im britischen Flottenstützpunkt Scapa Flow interniert, wo die Restbesatzungen am vorgesehenen Tage der Unterzeichnung des Versailler Vertrages ihre Schiffe selbst versenkten. Dem Deutschen Reich verblieben danach lediglich sechs alte Linienschiffe, sechs Kleine Kreuzer und zwölf Torpedoboote bei einem Personalumfang von 15.000 Mann (Kaiserliche Marine ca. 80.000 Mann), die als Basis für die neue Reichsmarine dienten.


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Stand vom: 27.11.13 | Autor: 


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