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Ostern auf hoher See

33°04´N / 070°03´W. Es ist Sonntag der 29.04.1962. Mein erster Geburtstag in See. Der Einundzwanzigste. Es ist null Uhr, Mittelwache. Ich bin Rudergänger. Die See ist ruhig, der Wind stetig. Die Ruhe kann ich nutzen, um an zu Hause zu denken. Der Tag füllt sich mit viel Sonne und jedes Fleckchen wird von meinen sonnenhungrigen Kameraden ausgefüllt. Die letzten vier Wochen gehen mir durch den Kopf.

Wäsche am Abend

Wäsche am Abend (Quelle: © Archiv / Otto-Heinrich Weychardt)Größere Abbildung anzeigen

Von meiner Korporalschaft im Stich gelassen, plagte ich mich mit der Logleine herum. Die Leine diente dem Messen der Geschwindigkeit und war im Abstand von sieben Metern mit Knoten versehen. Durch das Zählen der Knoten konnte somit die gefahrene Geschwindigkeit in Seemeilen pro Stunde errechnet werden. In der Mittagszeit gab es plötzlich lautes Geschrei an Deck: „Hai an Steuerbord“. Es war ein imposanter Anblick und ich schätzte seine Länge auf ungefähr vier Meter. Mit der energiegeladenen Stetigkeit eines Torpedos bewegte er sich, wie ein weißer Schatten durch das Wasser. Auf der Flucht vor dem Raubfisch flogen Schwärme kleiner Fliegender Fische von Wellenkamm zu Wellenkamm. Achtern warfen wir eine Haiangel aus, um den Koloss zu fangen, aber den Gefallen tat er uns nicht.

Am 20.04.1962 war Karfreitag. Einen Monat lang waren wir jetzt auf See. Stabsarzt Dr. Naumann hielt eine kurze Andacht an Oberdeck. Ein Tag, so recht dazu geeignet sich an die Lieben daheim zu erinnern, in dem Bewusstsein, dass auch diese an uns denken. Doch die besinnliche nachmittägliche Stimmung wurde durch einen lauten Knall gestört. Mit einer großen Stichflamme und einem Regen feiner Glassplitter explodierte eine Lampe direkt über unseren Köpfen. Damit war die besinnliche Stimmung erstmal verflogen.

Ostermorgen auf dem Mitteldeck

Ostermorgen auf dem Mitteldeck (Quelle: © Archiv / Otto-Heinrich Weychardt)Größere Abbildung anzeigen

Meine "Familie"

Das Osterwochenende zog sich in die Länge. Vor allem der Ostersonntag. Ich erinnerte mich an die steigende Sonne, die die kühle Luft zu Hause ein bisschen anwärmen würde, an die frisch duftende Erde unter den tauglitzernden Gräsern. Zu Hause würde ich mit meiner Familie in die Kirche gehen. Festlich gekleidet und feierlich gestimmt das Osterfest feiern. Aber meine neue Familie feierte auch Ostern.

Der Kommandant, Kapitän zur See Ehrhardt, sprach zu uns in tief bewegenden Worten und ließ einen riesengroßen Osterhasen unter der Schiffsglocke aufstellen. Für jeden von uns hielt er ein buntes Schokoladenei bereit. Am Abend durften wir einen Film sehen. Die zarte Gestalt und das feine Gesicht der Audrey Hepburn erinnerten mich an meine Freundin, die so weit weg war.

Allein hockte ich auf dem Wegweiser des Backbordwants und ließ meine vielen Gedanken und Gefühle schweifen: Wie wird wohl sie diesen herrlichen Tag verbracht haben? Der Montag war gekommen. Der Tag begann mit dem Ruf „Schiff von Steuerbord!“. Ein französischer und ein deutscher Dampfer mit Kurs nach Venezuela umkreisten uns. Zum Gruß fierten wir die Großroyal ein, das oberste Segel unseres Schiffes. Meine Freizeit verbrachte ich nun mit Lesen.

Ein Buch von Henry Miller (Der Teufel im Paradies), das ich mir an der Schleuse von Brunsbüttel gekauft hatte, ließ mich nicht mehr los. Die 5.000-Seemeilen-Marke brachten wir am Dienstag hinter uns. Meilen um Meilen trennten uns nun von zu Hause. Aber wir versuchten positiv zu denken. Es waren nämlich nur noch 1.000 Meilen bis New York. Doch das Wetter machte unsere gute Laune zunichte. Trübe, regnerische Tage erwarteten uns. Bis zu meinem Geburtstag.

Zum Abschluss dieses feierlichen Tages spendierte ich meiner Korporalschaft mit Erlaubnis des IO (Erster Offizier) einen guten deutschen Weinbrand. Nach der Abendronde saßen wir mit unserem Korporal und der Flasche auf dem Achterdeck zusammen und klönten über Amerika, das Land der 1.000 Möglichkeiten.

Wie geht die Fahrt der „Gorch Fock“ weiter? Wie wird sie in New York empfangen? Und was erlebt die Besatzung in dieser atemberaubenden Stadt?

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Stand vom: 28.07.14 | Autor: 


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