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Die Rückkehr

Glücksburg, 22.12.2008, Philipp Heinke (Redaktion Marine) & Otto-Heinrich Weychardt.
54°38’N / 10°33’W. Es ist der 15. Juni 1962. Ein wunderschöner Freitag. Endlich sind wir wieder zurück in Kiel. Endlich kann ich meine Freundin wieder in den Armen halten. Doch die Rückreise von New York erwies sich als nicht einfach. Man sah es an unseren Gesichtern. Die raue See hatte an uns gezehrt.

Strecktaue gespannt

Strecktaue gespannt (Quelle: © Archiv / Otto-Heinrich Weychardt)Größere Abbildung anzeigen

Dienstag, 15. Mai 1962. New York lag nun hinter uns. Wie schnell man doch eine Episode aus den Gedanken verbannen kann. Wie schnell man sich doch wieder an das alltägliche Leben an Bord gewöhnt. Es klappte ein Manöver nach dem anderen. Doch darauf durften wir uns nicht ausruhen. Die kommende Woche sollte uns mehr denn je in Anspruch nehmen. Das Wetter überraschte uns immer wieder mit starken Böen, mit steifer See und blitzartigen wuchtigen Regenschauern. Seeleute brachen sich Körperteile und Tampen lagen sich in chaotischer Ordnung. Zwischen der Gischt und den Böen kamen immer wieder die Kommandos des Wachoffiziers und des Kommandanten. Oft segelten wir nur mit den Untermarsen und den Sturmstengestagsegel. Aus herrlichstem Sonnenschein wurde plötzliche graue Nacht und die „Gorch Fock“ schlingerte und stampfte gewaltig auf den Wellen. An diesen Tagen und Stunden lernten wir, wie wichtig es ist, immer wach und umsichtig zu sein.

Aber unsere Stimmung war gut. Ein Jauchzen ertönte bei jedem schweren Brecher und dem Gischtregen, der übers Deck fegte. Vielen von uns wurde erst jetzt klar, warum die Brassen Zentimeter um Zentimeter steif gesetzt werden mussten. Jetzt wussten wir was es hieß zu segeln. Segeln war kein Wettkampf gegen die Zeit, sondern gegen das Wetter, gegen die raue Natur, die wir nicht umgehen konnten.

Vor Sao Miguel (von GRAF SPEE aus fotografiert)

Vor Sao Miguel (von GRAF SPEE aus fotografiert) (Quelle: © Archiv / Otto-Heinrich Weychardt)Größere Abbildung anzeigen

Gedenken an die „Pamir“

Bis Dienstag dem 22. Mai 1962 beruhigte sich das Wetter. Die See war glatt. Wir trafen das ständige Wetterschiff ECHO der US-COAST GUARD. Um den bärtigen Seeleuten eine Freude zu machen, setzten wir alle Segel, brachten einen Kutter zu Wasser und schickten ihnen drei Kästen guten deutschen Bieres. Als Zeichen der Anerkennung reparierten sie unseren Filmapparat.

Ich habe schon einige Gedenkfeiern erlebt. Aber die Gedenkfeier am 25. Mai 1962 war besonders bewegend für uns als Windjammer-Crew. Wir hatten die Unglücksstelle der „Pamir“ von 1957 erreicht.

Bei den Gedanken, wie das Schiff unterging, wie alle, bis auf sechs Seeleute, ihre Gefühle und Sehnsüchte, die sie hegten mit in die Tiefen des Ozeans nahmen, wurde uns bewusst, mit welchem Glück wir unterwegs waren. Vielleicht sollte man aus diesem Desaster eine Lehre ziehen. Dass es keine schöne, sondern vielmehr eine vornehme und ernsthafte Aufgabe sei, einen Segler über den Atlantik zu führen. Wie viel Glück und Freude ist auf solch einem Schiff. Aber wie würde es sein unterzugehen? Vielleicht einen letzten Funkspruch abzugeben und danach in jenes ungewisse Element zu versinken.

Jeder Name der ertrunkenen Seeleute wurde durch unseren Kommandanten verlesen, als Anerkennung und letzten Gruß.

Doch einen meiner Kameraden traf es besonders schwer. Jeder ertönte Name brachte ihm Schmerz. Er war für die letzte Fahrt der „Pamir“ vorgesehen, doch kurz vor dem Auslaufen des Viermastsegelschiffes hatte er sich einer Blinddarmoperation unterziehen müssen. Es waren die Namen seiner alten Kameraden.

Seltsamerweise kam an diesem Tag auch auf uns eine drohende Wetterfront zu. Alle waren auf der Hut, die Segel wurden geborgen und das Wetter rauschte dahin.

Im Gebirge von Sao Miguel

Im Gebirge von Sao Miguel (Quelle: © Archiv / Otto-Heinrich Weychardt)Größere Abbildung anzeigen

Der Vorposten Europas

Montag. 28. Mai 1962. „Land in Sicht“. Die Azoren lagen vor uns, der Vorposten Europas. Unser letztes großes Erlebnis. Bei steifem Wind hatten wir uns in kürzester Zeit bis zur Hafeneinfahrt von Ponta Delgada vorgearbeitet. Alles in dieser Stadt erinnerte mich an Funchal auf Madeira. Diese atlantischen Inselhafenstädte schienen alle nach demselben Prinzip gebaut zu sein. Während wir uns die „Paradegeige weiß“ anzogen, wurde über die Toppen geflaggt, da wir am Festtag eines Heiligen eingelaufen waren.

Die Inselrundfahrt führte uns durch die Idylle Sao Miguels, der azorischen Hauptinsel. Das schönste Fleckchen Erde, das ich auf dieser Segelfahrt gesehen hatte. Vorbei an riesigen Talkesseln und subtropischen Wäldern, heißen Quellen, fruchtbaren Äckern und fröhlich winkenden Menschen. In einem einheimischen Lokal in Ponta Delgada ließen wir den Abend mit einer gewaltigen Languste und einem portugiesischen Brandy ausklingen.

Doch bereits am Dienstag verließen wir den Garten Eden wieder. Das Ablegemanöver aus dem Hafen war nicht leicht, da der Wind das Schiff auf die Pier drückte. Nach langem Kampf und einer gebrochenen Spring verließen wir den Hafen von Ponta Delgada unter Segeln, den Schulfregatten „Hipper“ und „Graf Spee“ entgegen, mit denen unsere Vorcrew hier am Ende ihrer Südamerikareise den vorletzten Hafen anlaufen sollte. Mit der „Hipper“ – das wusste ich schon – würde ich noch in diesem Sommer nach Westafrika reisen. Aber, dass ich vier Jahre später auch noch rund um Südamerika fahren sollte, war nicht einmal in den Sternen zu lesen. Die „Graf Spee“ folgte uns dann ein Stück und nach diesem Rendezvous ging es mit Kurs 065° Richtung Heimat.

GRAF SPEE kommt von achtern auf

GRAF SPEE kommt von achtern auf (Quelle: © Archiv / Otto-Heinrich Weychardt)Größere Abbildung anzeigen

"Weiß ist das Schiff das wir lieben"

Donnerstag, 31. Mai 1962. Der Wind wehte ungünstig. Wir mussten immer wieder auf 60° abfallen und bei 40° lag die Einfahrt zum Englischen Kanal. Noch 16 Tage bis zum Tag „0“.

Sonntag, 3. Juni 1962. Seegang und Geschaukel waren gewaltig. Vielleicht sollten wir nun doch nördlich um Schottland herumsegeln. An Oberdeck war „Anzug Ölzeug“ befohlen und das geplante Sportfest fiel aus. Das holten wir dann bei ruhigerem Wetter am Freitag vor Pfingsten nach, nachdem wir die schottische Küste nach der Passage durch den Pentland Firth verlassen hatten. Am Samstag vor Pfingsten kam die norwegische Küste in Sicht. Es schneite.

Dienstag, 12. Juni 1962 Wir segelten im Kattegat auf südlichem Kurs mit 15,5 Knoten durchs Wasser und 19 Knoten über Grund – ein neuer Rekord. Gegen Mittag kam Laboe in Sicht. Die Fregatte GNEISENAU begrüßte uns. Mir machten die Segel fest und gingen in der Eckernförder Bucht vor Anker. Das Schiff musste wieder herausgeputzt werden. Die „Gorch Fock“ sollte ja dem neuen Lied „Weiß ist das Schiff, das wir lieben…“ (Text und Melodie von unserem damaligen II. Wachoffizier KptLt Hans von Stackelberg) alle Ehre machen. Die Post kam an Bord. Auch ein Brief von meiner Freundin war dabei: Sie kommt nicht zum Einlaufen und ich soll auch nicht mehr kommen. Es ist aus…!

Freitag, 15. Juni 1962 Einlaufen in Kiel unter Vollzeug bei Kaiserwetter. Die Blücherbrücke, die während unserer Reise fertig geworden ist, kann die Menschenmassen nicht fassen. Das Hindenburgufer ist gesäumt von tausenden Schaulustigen. Das Marinemusikkorps Ostsee spielt flotte Weisen. Eltern, Freundinnen, Ehefrauen und Kinder winken und schließen ihren Liebsten in die Arme. Mich erwartete niemand.

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Stand vom: 27.11.13 | Autor: 


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