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Von Kiel nach Teneriffa

020° 09’N / 35° 52’W. Es ist Montag, der 16. April 1962. Tagelang segeln wir jetzt schon im Passatwind. Das war das erste Mal für uns und die „Gorch Fock“. Blasses Licht durchflutet den Himmel. Hinter den schwarzen Flächen der Segel steht der Mond. Unser Schiff erreicht an diesem Tag eine Rekordmarke: ein Etmal (Seemeilen pro Tag) von 238 Meilen. Der Gedanke daran, in Amerika vielleicht doch Urlaub zu bekommen, löst in mir eine Spannung aus. Heute will ich nicht in meiner „Familienhängematte“ im Wohndeck ruhen. Zu viele Gedanken strömen mir durch den Kopf. Die Takelage wirkt wie ein filigraner Scherenschnitt. Ich setze mich allein mit meinen Gedanken in das, dank des geborgenen Großstengestagsegels, windgeschützte Finkennetz. Diese Stunden, die erfüllt sind vom Empfinden der reinen Schönheit der See und der Nacht, entschädigen für die vielen kleinen Ärgernisse des Alltags. Ich erinnere mich an die vergangenen Wochen.

Auslaufen Kiel, im Hintergrund der Versorger ANGELN

Auslaufen Kiel, im Hintergrund Versorger ANGELN (Quelle: © Archiv / Otto-Heinrich Weychardt)Größere Abbildung anzeigen

Dienstag, 20. März 1962. Der große Tag war gekommen. Die Wehmut des Abschiednehmens wurde durch die Klänge des Marinemusikkorps Ostsee übertönt. Mit einem dreifachen „Hurra“ auf die Heimat legten wir ab. Bereits am Mittwoch, nach Passieren des Nordostseekanals, heißten wir bei eisiger Kälte und Regen die Stenge und die oberen Rahen. Um 16.00 Uhr Musterung durch den neuen Ersten Offizier, Korvettenkapitän von Witzendorf. Er ermahnte uns, den guten Ruf, der uns aus London nacheilte, auch zu halten.

Die nächsten fünf Tage zogen sich hin. Am Sonntag wurden gegen zwei Uhr morgens alle Segel geborgen. Mit drei Knoten Fahrt und zwei Knoten Gegenströmung war es schwierig alle Termine einzuhalten. So sollte die Technik helfen. Aber bereits nach dem Morgenreinschiff mussten wir alle Segel wieder setzen, da die Maschine unklar war. Nach einer weiteren Stunde: „Alle Segel bergen!“ – Der „Jockel“ lief wieder.

Die Natur war gegen uns am Montag, dem 26. März. Die Maschine brachte uns schneller voran als die Segel. Die Seekrankheit griff um sich und viele Kameraden lagen wie tote Fische irgendwo unter den Spinden. Da ich bereits eine Reise mit der „Gorch Fock“ hinter mir hatte, war ich schon etwas seefest. Ich half deshalb einem Kameraden bei seiner schweren Arbeit als Backschafter. Sein zweiter Mann hing in den Seilen.

Blick vom Vormast auf die Back

Blick vom Vormast auf die Back (Quelle: © Archiv / Otto-Heinrich Weychardt)Größere Abbildung anzeigen

Santa Cruz

Der 1. April war gekommen. Ein großer Tag für die meisten meiner Kameraden - die Beförderung zum Gefreiten OA: endlich ein goldener Streifen auf dem Ärmel. Doch unsere Ausbilder erlaubten sich vorher noch einen kleinen Aprilscherz: Bojenmanöver vor dem Umziehen! Temperaturen wie im Hochsommer. Wasser wie im Aquarium, warm und ruhig. So war die Segelwache von vier bis acht Uhr fast erholsam.

Die hell leuchtende Morgensonne ließ die herrlichen, bizarren Berge Teneriffas und die „weiße Stadt“ Santa Cruz am Freitag, dem 6. April, in einem faszinierten Licht erscheinen. Den ersten Weg in dieser wunderschönen Stadt machten wir zum Postamt (Correos in der Landessprache). In einem anschließenden Stadtrundgang lernten wir die Versuchungen kennen, die jede Hafenstadt in sich birgt.

Auf der Terrasse des Real Club Nautico ließen wir den Abend mit einem gemütlichen Glas Whiskey-Sour, Pernod und Martini ausklingen. Das Wochenende verging jedoch viel zu schnell. Montag gegen 10.00 Uhr mussten wir Abschied nehmen. Unter Motor liefen wir aus dem Hafen von Santa Cruz aus.

Kurs westwärts am Abend

Kurs westwärts am Abend (Quelle: © Archiv / Otto-Heinrich Weychardt)Größere Abbildung anzeigen

Familien- oder Dienstreise

Mittwoch, 11. April 1962. An diesem Tag erreichten wir die Passatzone. Da wir von nun an tagelang unter gleichem Bug segeln würden, wurde uns gestattet, während der Segelwache in einem „Schlafsegel“ an Deck zu schlafen. Doch bereits am Sonntag erwartete mich die nächste Überraschung. Während meiner Abendwache wurde ich in das Kartenhaus gerufen. Mir wurde ein Schriftstück in die Hand gedrückt.

Onkel Ed hatte aus dem fernen Indianapolis ein Telegramm geschickt: ich möge doch um Urlaub nach Indianapolis bitten, um ihn und meine Vettern zu besuchen. Gedanken der Hoffnung, aber auch des Unmuts und der Hoffnungslosigkeit stritten in mir. Würde ich die Erlaubnis bekommen? Jetzt liege ich hier im Finkennetz und meine Gedanken holen mich wieder ein. Darf ich nach Indianapolis fliegen? Wo soll ich das Geld hernehmen?

Ich nutzte meine Chance und ging zu meinem Divisionsoffizier, Kaleu von Stackelberg. Seine Antwort auf meine Frage ist wie ein Schlag vor den Kopf. „Der I. Offizier ist strikt gegen solche Art von Besuchen, auch wenn sie von kurzer Dauer sein würden.“ Solch eine Dienstreise wie die unsere, sei keine Familienreise.

Wie wird es weiter gehen? Wird der Kadett Otto-Heinrich Weychardt seinen Urlaub in Amerika bekommen? Was erwartet ihn und die anderen Kameraden auf den Weg nach New York?

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Stand vom: 28.07.14 | Autor: 


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