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Nach dem Einsatz direkt zur Übung nach Südafrika

Durban, 26.03.2012, Bundeswehr aktuell.
Das deutsch-südafrikanische Marinemanöver GOOD HOPE ging bereits in die fünfte Auflage – und erstmals stellte das Land vom Kap der Guten Hoffnung den Commander Task Group (CTG). Bundeswehr "aktuell" besuchte die Fregatte LÜBECK vor Ort und begleitete verschieden Übungsabläufe.

Keine Zeit zu verlieren: Während das erste Boarding-Halbteam das Flugdeck sichert, gleitet das zweite per Fast-Roping aus dem Hubschrauber.

Keine Zeit zu verlieren (Quelle: © 2012 Bundeswehr / Andrea Bienert )Größere Abbildung anzeigen

Heftige Klopfgeräusche sind auf dem Flugdeck der Fregatte LÜBECK zu hören. Kurz darauf nähert sich ein Hubschrauber vom Typ SEA LYNX an und schwebt über dem Landedeck. Ein schwarzes Seil wird aus dem Helikopter geworfen. Fünf Boarding-Soldaten gleiten in weniger als zwei Minuten an ihm hinunter und positionieren sich vor dem Hangar zum Sichern der Landezone. Der SEA LYNX dreht nach rechts ab und wird nun das zweite Halbteam nachholen. „Wir trainieren hier das so genannte ‚Unopposed Boarding‘, das Untersuchen eines verdächtigen Schiffes, bei dem der Kapitän dem Boarding vorher zustimmt und sich kooperativ verhält“, erklärt der Kompaniechef der Boardingkompanie, Kapitänleutnant Norman Bronsch, den Übungszweck. Operiert werde per Hubschrauber, weil dies ein gängiges Verfahren zum Verbringen des Teams sei.

Die Halbteams sind bei diesem Übungsanteil gemischt aus deutschen und südafrikanischen Soldaten aufgestellt. Das Absetzen aus dem Hubschrauber wird im so genannten Fast-Roping-Verfahren durchgeführt, beim Wiederaufnehmen werden die Soldaten per Winsch hochgezogen. Der Helikopter „steht“ dabei in der Luft und bietet ein Ziel, von daher ist es wichtig, dass Fast-Roping und Winschen immer schnellstmöglich durchgeführt werden.


Boarding-Soldaten während einer Übung.

Riskante Arbeit (Quelle: © 2012 Bundeswehr / Andrea Bienert)Größere Abbildung anzeigen

Boarding mit Booten

Kurz darauf kommt die zweite Welle der Boarding-Soldaten an Bord. Unter gegenseitiger Sicherung werden nun Brücke und weitere Bereiche des Schiffes nach Hinweisen auf Piraterie überprüft. Weitere Formen des Boardings sind das Non-Cooperativ Boarding sowie das „Opposed Boarding. Hier betreten die Boardingkräfte ohne Zustimmung des Schiffskapitäns oder auch gegen dessen Willen das verdächtige Schiff, gegebenenfalls auch mit Waffengewalt. Ein solcher Einsatz würde jedoch ausschließlich Spezialkräften obliegen.

Nach dem Unopposed Boarding wird im folgenden das Aufstoppen verdächtiger Kontakte mit Speedbooten trainiert. Im mittleren Bereich der Fregatte steht Bootsmann Rafael P., um ihn herum versammelt sein Halbteam – vier Boarding-Soldaten und ein Minentaucher als Verstärkung – bei der Befehlsausgabe. Geübt wird das Operieren mit Speedbooten, die südafrikanischen Spezialkräfte stellen dabei das zweite Boot, das untersucht werden soll. „Wir werden mit unserem Boot ein verdächtiges Skiff aufklären und danach sichern“, erklärt Bronsch.

Entwaffnet: Das Boarding-Team verlegt zurück zur Fregatte.

Das Boarding-Team verlegt zurück zur Fregatte (Quelle: © 2012 Bundeswehr / Andrea Bienert )Größere Abbildung anzeigen

Dabei wird nach dem Sichten das Skiff zunächst eingekreist und am Weiterfahren gehindert. Danach werden die verdächtigen Personen gesichert. „Im Schwerpunkt wollen wir sicherstellen, dass von ihnen keine Gefahr für unser Team ausgeht, erst danach dokumentieren wir alle Fakten, die auf Piraterie hindeuten“, betont der gebürtige Wünsdorfer. Das bedeutet in diesem Fall, dass das Boot durchsucht wird, die Verdächtigen fotodokumentiert und die Waffen beschlagnahmt werden. Auch GPS-Geräte und Mobiltelefone können hilfreiche Daten liefern und werden durch die Feldjäger an Bord ausgewertet. „Nach dem Auswerten aller Fakten entscheidet die jeweilige Verbandsführung, ob die Piraten anschließend an Land gebracht und freigelassen werden. Oder sie werden an die zuständigen Strafverfolgungsbehörden zur weiteren rechtlichen Prüfung überstellt“, sagt der 31-Jährige.

Beweissicherung: Gefundene Kampfmittel werden dokumentiert.

Mögliche Beweise werden dokumentiert (Quelle: © 2012 Bundeswehr / Andrea Bienert )Größere Abbildung anzeigen

Die Soldaten der Boardingkompanie konnten mittlerweile in vielen Einsätzen ihre Fachexpertise unter Beweis stellen und erweitern, der Austausch mit anderen Nationen ist dabei ein wichtiger Bestandteil. Insofern biete GOOD HOPE eine gute Plattform, sich mit einem Partner auszutauschen, der nicht mit NATO-Verfahren arbeitet. „Beide Nationen profitieren enorm von dieser gemeinsamen Übung“, betont Bronsch.

Boarding – das Aufbringen und Untersuchen verdächtiger Schiffe – ist Teil der binationalen Übung GOOD HOPE, die bereits zum fünften Mal mit deutschen und südafrikanischen Soldaten in deren Hoheitsgewässern stattfindet. In einem weiteren Schwerpunkt wird das Abwehren gegnerischer Uboote trainiert, schiffsspezifische Anteile wie Fahrmanöver, Schießen mit Bordwaffen
oder Schleppverfahren runden die breite Übungspalette ab. Für die Besatzung der Fregatte LÜBECK bildet GOOD HOPE den Abschluss einer Tour, die Ende November vergangenen Jahres mit dem Einsatz bei ATALANTA begann. Bis zum 20. April soll das Schiff nach Wilhelmshaven zurückkehren.

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Per Bildschirm und Joystick: Der Waffenbediener auf der Brücke.

Der Waffenbediener auf der Brücke (Quelle: © 2012 Bundeswehr / Andrea Bienert)Größere Abbildung anzeigen

Bordwaffenschießen

Nachdem das Boarding beendet ist, steht für die Besatzung der LÜBECK ein GUNEX – kurz für Gunnery Exercise – an. „Wir schießen hier mit dem Marineleichtgeschütz (MLG), Kaliber 27 Millimeter vom Signaldeck so genannte ‚Flares‘ ab“, erklärt Kapitänleutnant Jens Schaadt, der Schiffseinsatzoffizier. Mit der „Donnerbüchse“, so der Marinejargon, wird dabei zunächst eine Gefechtsfeldbeleuchtung geschossen, die den Himmel 30 bis 60 Sekunden erhellt. Mit dem MLG sind anschließend mehrere Feuerstöße auf das Ziel abzugeben. „Gesteuert wird das Ganze von der Brücke, wo der MLG-Bediener vor einem Bildschirm sitzt und per Joystick das Waffensystem lenkt“, sagt der 35-Jährige. Geschossen wird immer auf freier See, so dass kein anderes Schiff gefährdet werden kann, innerhalb der Zwölf-Meilen-Zone sind Schießübungen untersagt. Das störungsfreie und drillhafte Bedienen der Waffensysteme der Fregatte sei das Ziel und deshalb werde dieses bei jeder Gelegenheit geübt, betont der gebürtige Saarländer. Solche Übungen seien auch immer gut, um junge Waffenleitoffiziere (WLO) zu schulen.

Sieht einfacher aus, als es ist: Soldaten bei der Postbeutelübergabe.

Sieht einfacher aus, als es ist: Postbeutelübergabe (Quelle: © 2012 Bundeswehr / Andrea Bienert )Größere Abbildung anzeigen

Neben dem Schießen trainieren die Marinesoldaten bestimmte Fahrmanöver. So kann es auf hoher See erforderlich sein, dass zwischen zwei Schiffen kleinere Gegenstände in laufender Fahrt übergeben werden müssen. Dieses Verfahren wird Postbeutelübergabe genannt. „Hört sich einfach an, erfordert jedoch eine gewisse Übung“, bestätigt Kapitän zur See Eike Wetters, deutscher ‚Head of Delegation‘ bei GOOD HOPE. Die Fregatte LÜBECK muss dabei parallel zum südafrikanischen Schwesterschiff „Isandlwana“ fahren. Sie beschleunigt zunächst auf 15 Knoten, die südafrikanische Fregatte drosselt gleichzeitig auf acht. Auf gleicher Höhe verlangsamt die LÜBECK, eine Leine wird von Deck zu Deck geschossen. Und wie anspruchsvoll die Übung ist, zeigt die Tatsache, dass der erste Versuch misslingt. „Wenn die Leine nicht punktgenau verschossen wird, landet sie im Wasser“, erklärt Wetters. Der nächste Versuch ist erfolgreich, die Leine steht und der Warenaustausch beginnt. Beim Ablaufen wird noch Front gepfiffen, das heißt, man erweist dem anderen Kommandanten die Ehre, „ein international üblicher Marinebrauch“, betont der 47-Jährige.

Fahrmanöver: Oberfähnrich zur See Fischer gibt die Kommandos.

Der Wachoffizier gibt die Kommandos (Quelle: © 2012 Bundeswehr / Andrea Bienert )Größere Abbildung anzeigen

Gefahren wurde das Manöver auf der Brücke von Oberfähnrich zur See Florian Fischer. Er ist erst kurz vor ATALANTA auf das Schiff gekommen und soll nun den so genannten Leistungsnachweis 1 erwerben. Auf der LÜBECK ist er als Zweiter Navigationsoffizier eingeteilt, wird aber auch als Wachoffizier (WO) auf der Brücke ausgebildet. Zur Seite steht ihm dabei der Navigationsoffizier (NO), Oberleutnant zur See Sven Tschirschke, der alle WO-Schüler ausbildet und die Manöver bewertet. „Das ist schon eine harte Schule“, sagt Fischer. Und der Kommandant, Fregattenkapitän Martin Ruchay, ergänzt, dass solche Übungen schon deshalb anspruchsvoll seien, weil Südafrika kein NATO-Partner sei und hier auch andere Verfahren anwende.

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Oberfähnrich zur See Fischer nutzt den Morsescheinwerfer

Kommunikation per Morsescheinwerfer (Quelle: © 2012 Bundeswehr / Andrea Bienert)Größere Abbildung anzeigen

Schleppmanöver

Fischer ist über den Grundwehrdienst in die Offizierlaufbahn eingestiegen. Nach der Seefahrtszeit wird er Nautik studieren. „Man darf sich nicht zu viele Gedanken machen, auch wenn es durchaus gefährlich werden kann, wenn man unaufmerksam ist.“ Doch der WO ist auf der Brücke nie allein und hat viele unterstützende Kräfte um sich herum. Im Juli wird der 23-Jährige Vater von Zwillingen, von daher freut er sich, zumindest das letzte Drittel der Schwangerschaft noch miterleben zu dürfen. Nach seinem Berufsziel befragt, erklärt der gebürtige Badener, dass er gerne zur Erstbesatzung einer neuen Fregatte der Klasse 125 gehören möchte. „Und gerne auch irgendwann als Kommandant“, lächelt er. „Denken Sie an den Manöverbericht“, ruft der NO abschließend und Fischer verlässt die Brücke.

Herstellen der Schleppverbindung während eines Manövers.

Herstellen der Schleppverbindung (Quelle: © 2012 Bundeswehr / Andrea Bienert)Größere Abbildung anzeigen

Ein ähnliches Fahrmanöver ist das Schleppen eines anderen Schiffes. Auch hier wird eine Leine vom Flugdeck zur Back – den vorderen Teil des Schiffes – geschossen. Leitender der Übung ist der Erste Offizier (IO), Fregattenkapitän Marco Taedke. Unterstützt wird er dabei vom Decksmeister, Hauptbootsmann Arian Frieser. „Alle Mann auf Position“ ruft dieser, als das Passieren der ISANDLWANA kurz bevor steht. „Geschleppt wird vorrangig, wenn ein Schiff keinen Antrieb mehr hat und die Gefahr besteht, dass es unkontrolliert Richtung Festland treiben könnte“, sagt Taedcke. „Klar zum Bola-Schuss.“ Hauptgefreiter Christian Baasen, der Überseewaffenmechaniker, bedient sein Schussgerät und nickt zufrieden. Das Berechnen von Wind und Entfernung hat der 22-Jährige richtig durchgeführt, denn die Leine erreicht ihr Ziel.

Zwei Fregatten fahren in Formation

Formationsfahrt (Quelle: © 2012 Bundeswehr / Andrea Biendert)Größere Abbildung anzeigen

Auf der Brücke hat derweil die Wachmannschaft gewechselt. „Kommandant auf Brücke“ ruft der „Signäler“, und es deutet sich an, dass im Folgenden wieder ein Fahrmanöver durchgeführt wird. Der Fregattenkapitän lächelt in die Runde: II WLO, sind sie bereit für MISCEX, fragt Ruchay. Und Oberleutnant zur See Luisa Winkler nickt.

Bei den Miscellaneous Exercises trainiert die Besatzung das Fahren verschiedener Formationen. Winkler ist Zweiter Waffenleitoffizier und benötigt wie Fischer den Leistungsnachweis zum seemännischen Führen des Schiffes. „Wir werden jetzt um 180 Grad drehen, so dass die ISANDLWANA in unserer Kiel-linie mit 500 Yards folgt“, sagt der NO und fordert von Winkler nun weitere Maßnahmen. Und diese gibt sogleich den neuen Kurs an.

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Die ISANDLWANA (v.) und die LÜBECK vor Südafrika.

Formationsfahrt (Quelle: © 2012 Bundeswehr / Andrea Bienert)Größere Abbildung anzeigen

Waffensysteme

Winkler ist seit 2005 bei der Bundeswehr und kurz vor Beginn des ATALANTA-Einsatzes zur Besatzung gestoßen. „Als Waffenleitoffizier koordiniere ich in der Operationszentrale den Einsatz aller Waffensysteme und bin verantwortlich für das Abwehren von Flugkörpern und gegnerischen Flugzeugen“, erklärt die gebürtige Berlinerin. Und Waffensysteme hat eine Fregatte in vielerlei Formen, „das fängt beim 76-Millimeter-Artilleriegeschütz auf der Back an und hört beim NATO-Seasparrow-Flugkörper auf“, so Winkler weiter. An der Marine reizt die 25-Jährige vor allem der Wechsel zwischen Fern- und Heimweh, aber auch das besondere Betriebsklima auf einem Schiff: „Zur See zu fahren ist, als ob man fernab von der restlichen Welt in einer eigenen Kleinstadt lebt.“

Winkende Marinesoldaten an Deck, im Hintergrund eine Fregatte.

Das Manöver neigt sich dem Ende zu (Quelle: © 2012 Bundeswehr / Andrea Bienert)Größere Abbildung anzeigen

Mit den Manövrierübungen sollen sich die beiden Besatzungen aneinander gewöhnen, auch für die jeweilige Mannschaft auf der Brücke eine gute Gelegenheit, sich einzuspielen. „Beim Führen eines Schiffes muss man immer 20 bis 40 Minuten vorausdenken“, beschreibt Ruchay die Kunst des Navigierens. Die LÜBECK hat einen 500-Meter-Drehkreis, ein 360-Grad-Manöver dauert entsprechend nur zwei bis drei Minuten.

„Daher fährt sich eine Fregatte im Vergleich zu einem Handelsschiff auch fast wie ein Sportwagen“, sagt 44-Jährige mit einem Augenzwinkern. Command for signal ruft der Signalmeister. Kommandant, WO, NO heben die Hand und zeigen ihre Aufnahmebereitschaft. Besonders bei Manövern hat sich diese Form der Kommunikation bewährt, denn in komplexen Situationen ist es besonders wichtig, dass alles geordnet abläuft.

Der Signalmeister kündigt den zweiten Formationswechsel an. Winkler gibt unter dem aufmerksamen Blick des NO ihre Anweisungen und muss kurz darauf eine „kleine Lernerfolgskontrolle“ über sich ergehen lassen. Auch sie wird nach dem Manöver einen Bericht anfertigen. Und Ruchay ist überzeugt, dass sie den Leistungsnachweis wie ihre Vorgänger mit Bravour meistern wird.

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Stand vom: 27.11.13 | Autor: 


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