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Wenn Kampfschwimmer an der Türe klopfen…

Lehnin, 02.07.2012.
Anders als es ihr Name vermuten lässt, sind Kampfschwimmer nicht nur im kühlen Nass anzutreffen. Wenn man sie überhaupt sieht, denn das unbemerkte Agieren ist ihre Domäne. Ob zu Wasser, an Land oder in der Luft – keine Umgebung, in der sie nicht zurechtkommen würden. Grundvoraussetzung dafür ist das permanente Training. Abseits der Küste, im Brandenburgischen Lehnin, stand der Orts- und Häuserkampf auf dem Übungsplan. Ein Einblick in die meist verborgenen Tätigkeiten dieser Spezialeinheit.

Kampfschwimmer verschaffen sich Zutritt in ein Gebäude.

Eindringen in das Waffenarsenal (Quelle: © 2012 Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Die Stadt „Rauhberg“ ist ein Schlachtfeld. Rebellen überziehen ganze Stadtviertel mit Mörsern und Raketen. Heckenschützen feuern aus ihren Verstecken. Der Bürgerkrieg ist zum Häuserkampf geworden. Straßenzüge sind von Explosionen geschwärzt. Auf den verlassenen Straßen stehen abgeschossene Panzer. Neben den nutzlosen Ortsschildern liegen verbrannte Reifen.

Ein realistisches Szenario: Der rund 25 Kilometer südwestlich von Potsdam gelegene Truppenübungsplatz Lehnin ist bekannt für Übungen im urbanen Gelände und bietet einen realistischen Eindruck vom Orts- und Häuserkampf. Rund 70 Häuser, Kanalnetze, Unterführungen, Bahnhof, Schule und einen Flugplatz gibt es hier. Gefechtslärm kommt aus Lautsprechern, während elektrisch gesteuerte Ziele beschossen werden können. Zwei Wochen lang übt das Kampfschwimmereinsatzteam 1 der Marine aus Eckernförde auf dem Truppenübungsplatz. Warum?

Soldat auf dem Hügel sichert ab.

Über Kopfhörer und Mikrofon verständigen sich die Soldaten (Quelle: © 2012 Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Geändertes Einsatzumfeld

Der Orts- und Häuserkampf wird in künftigen Konflikten auch für die Bundeswehr immer häufiger in den Fokus rücken, denn: Die Ära der offenen Feldschlachten durch Nationalstaaten ist vorbei. Die Gegenwart ist geprägt von Bürgerkriegen und asymmetrischen Konflikten, die von nichtstaatlichen Akteuren und Kriminellen bestimmt werden. Und diese Konflikte werden gerade auch in küstennahen Städten ausgetragen, im „maritimen Umfeld“, wie es im Bundeswehrjargon heißt.

Die Spezialeinheit der Marine aus Eckernförde hat deshalb nicht nur die klassischen Aufgabenfelder wie das in Besitz nehmen oder Zerstören von Schiffen unter Bedrohung, Aufklären von Hafenanlagen, Küstenanlagen und Schiffsansammlungen auf der Agenda, sondern auch den Kampf gegen den internationalen Terrorismus, Anti-Piraterie-Missionen und den Landkampf. Dazu gehören Landangriffe gegen gegnerische Objekte in Küstennähe oder auch Evakuierungsaufträge.

Kampfschwimmer beziehen Ausgangsstellung

Der Auftrag heute lautet: Einsickern in das zerschossene Herz der Stadt „Rauhberg“ und Zerstören eines Waffenarsenals in einer alten Bäckerei. Geführt wird das Einsatzteam von einem Kampfschwimmeroffizier, der an einem Miniatur-Modell der Stadt und mit Luftbildern in den Auftrag einweist, den Weg zur Backstube, Verhalten bei Feindkontakt und mögliche Gefahren.

Ein Kampfschwimmer in einem BO 105 Helikopter.

Sicherung des Anmarschweges (Quelle: © 2012 Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Szenenwechsel: Kampfschwimmer-Scharfschützen befinden sich bereits über der Stadt. In zwei speziell zum Transport von Spezialkräften ausgerüsteten Hubschrauber vom Typ BO 105 (sogenannte „Swooper“) sichern sie den Anmarschweg der Kampfschwimmer aus der Luft. Sie stehen auf den Kufen der Helikopter und beobachten jede Bewegung. In der Ferne kreist zudem ein CH 53 Transporthubschrauber, der im Notfall das ganze Einsatzteam oder aber auch einzelne Verletzte ausfliegen kann.

Ein Soldat sichert liegend die Umgebung ab.

Die Umgebung wird gesichert und unter Beobachtung gehalten (Quelle: © 2012 Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Die Kampfschwimmer haben auf einem Erdwall am Rande der Stadt ihre Ausgangsstellung bezogen und sind nun bereit für den bevorstehenden Angriff auf den Ort. Langsam sickern einzelne Trupps in die Stadt ein. Sie sichern mit ihren G 36 K Sturmgewehren in alle Richtungen. Die Bäckerei ist ohne Feindkontakt erreicht. Der Teamführer erkennt, dass der weitere Weg durch eine schwere Eisentür versperrt ist.

Der sogenannte „Zugangstechniker“ hat die Tür für den Zugriff gesprengt.

Kampfschwimmer haben sich Zugang verschafft (Quelle: © 2012 Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Anklopfen der besonderen Art

Der Schwung muss aufrechterhalten bleiben. Die Kampfschwimmer „klopfen“ auf ihre Art an: Der sogenannte „Zugangstechniker“ kommt zügig zum Einsatz. Eine Sprengladung wird angebracht und aus sicherer Entfernung gezündet. Die Tür fliegt mit einem lauten Knall aus den Angeln. Über das Erdgeschoss dringt das Team in die Bäckerei ein. Die Kampfschwimmer kämpfen sich von Raum zu Raum vor. Sie stoßen auf Widerstand. Blitzschnelle Freund-Feind-Erkennung ist nötig: Es ist dunkel, staubig und laut.

Kampfschwimmer üben den Häuserkampf.

Sicherung in alle Richtungen (Quelle: © 2012 Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Der Auftrag ist ausgeführt, die Soldaten sammeln sich vor dem Gebäude. Der Gegner hat die Kampfschwimmer entdeckt. Dauernd wird geschossen, Gefechtslärm, die Lage wirkt unübersichtlich, es ist hektisch. Ferngesteuerte Puppen dienen als Ziele, sie bewegen sich und brechen zusammen wie Menschen.

Soldaten versorgen einen Verletzten.

Verletztenversorgung im Einsatzgebiet (Quelle: © 2012 Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Körperliche Fitness zahlt sich aus

In diesem Übungsabschnitt gibt es den ersten „Verwundeten“. Zwei Kameraden packen ihn an seiner Kampfweste und schleifen ihn zurück zur Ausgangsstellung am Hang. Nicht einfach, denn alleine die Ausrüstung der Spezialkräfte ist 30 Kilogramm schwer.

In solchen Situationen zahlt sich die ausgeprägte sportliche Leistungsfähigkeit dieser Männer aus. Auf Befehl werfen die Kampfschwimmer Rauchgranaten. Nebelschwaden sollen Sichtschutz geben. Ein Teil des Spezialkräfteteams gibt Deckungsfeuer. Unter anhaltendem Feuer springen die Kampfschwimmer überschlagend an die nächste Deckung ran und arbeiten sich zurück.

Das Einsatzteam läuft zum CH 53 Transporthubschrauber.

Abtransport des Einsatzteams (Quelle: © 2012 Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Die Ausgangsbasis ist erreicht. Der Verwundete wird medizinisch erstversorgt und mit der CH 53 abtransportiert. Die Übung ist beendet. Die Anspannung und die enorme körperliche Belastung des Kampfes stehen den Kampfschwimmern ins Gesicht geschrieben. Die erste Übung am Tag haben sie hinter sich. Es werden zwei weitere Übungen folgen. Jeder weiß, es wird ein langer und kräftezehrender Tag werden. Aber: Realitätsnähe ist für die Vorbereitung auf den scharfen Einsatz überlebensnotwendig, dass wissen die Kampfschwimmer. Es gilt: Je fordernder und gnadenloser die Ausbildung, desto höher die Chancen im Einsatz zu bestehen, den Auftrag erfolgreich durchzuführen und wieder heil nach Hause zu kommen.

Ausblick: Die Neuausrichtung der Marine

Kampfschwimmer bleiben als originäres Seekriegsmittel integraler Bestandteil maritimer Einsatzverbände und der Marine. Im Rahmen der Neustrukturierung der Bundeswehr erfolgt jedoch auch für die Spezialkräfte der Marine eine Anpassung der Organisationsstruktur. Innerhalb der Einsatzflottille 1 entsteht künftig das neue „Kommando Spezialkräfte der Marine (KSM)“. Mit der Eigenständigkeit wird dem herausgehobenen Fähigkeitsprofil dieser Kräfte Rechung getragen. Die Maßnahmen im Rahmen der Feinausplanung sind dazu angelegt, den Beitrag der Einsatzkräfte für maritime Spezialoperationen zu erhöhen und die Weiterentwicklung von Verfahren und Ausrüstung zu verbessern.

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Stand vom: 02.04.14 | Autor: 


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