Truppenarzt auf See
Wilhelmshaven, 24.07.2012, Bundeswehr aktuell.
Eine Fregatte ist wie eine eigene kleine Stadt. Sticht sie in See, muss sie oft mehrere Wochen auf feste Infrastruktur verzichten. Daher verfügt sie über gewisse Einrichtungen, um auf den Weltmeeren relativ unabhängig agieren zu können. Und so wie das technische Personal dafür sorgt, dass die Maschinen immer laufen, hilft der Schiffsarzt, wenn bei der Besatzung „irgendwo der Schuh drückt“.

Die 31-Jährige Verena Kilp ist seit 2010 die Schiffsärztin der Fregatte „Lübeck“. Ihre Aufgaben decken sich mit denen eines Truppenarztes in der Kaserne, „nur dass ich weder ein Bundeswehrkrankenhaus noch andere zivile Rettungseinrichtungen in unmittelbarer Nähe habe“
, sagt die Oberstabsärztin. Und da den Soldaten auch auf See alle erdenklichen sanitätsdienstlichen Leistungen zur Verfügung stehen müssen, ist Kilps Sanitätsbereich auf dem Z-Deck des Schiffes zwar verhältnismäßig klein, birgt aber in den Spinden und Schränken eine breite Fähigkeitspalette.

Vom Belastungs-EKG bis zur dentalen Versorgung
Neben allgemeinen medizinischen Untersuchungen können jederzeit Röntgenaufnahmen, Ultraschalluntersuchungen, Belastungs-EKG oder Seh- und Hörtests durchgeführt werden. „Sogar operative Eingriffe wären mit unserer Ausstattung möglich, diese führen wir aber nur im äußersten Notfall durch“
, erklärt die Schiffsärztin. Und wenn einem Patienten „auf den Zahn zu fühlen ist“, sorgt eine Zahnärztin für den notwendigen Support. Auch dieser Bereich ist so ausgestattet, dass von der Füllung bis zum Zahnziehen jede dentale Versorgung durchgeführt werden kann. Befindet sich ein Schiff im Auslandseinsatz, wird die medizinische Expertise sogar noch aufgestockt. Dann ergänzen ein Anästhesist und ein Chirurg das Team und halten die Facharztgruppe im wahrsten Sinne des Wortes operationsfähig.
„Als wir kürzlich vor Madagaskar die Ausläufer des Tropensturms ‚Irina‘ erleben durften, sind einige Soldaten gestürzt. Bei meterhohen Wellen Platzwunden und andere Blessuren zu versorgen, war schon eine große Herausforderung“
, sagt die Oberstabsärztin. Während des kürzlich beendeten „Atalanta“- Einsatzes der „Lübeck“ kam die Facharztgruppe aber auch bei einem Besatzungsangehörigen eines zivilen Handelsschiffes zum Einsatz: einen gebrochener Arm galt es zu versorgen.

Ärztin mit Herz
Von größeren medizinischen Einsätzen ist die gebürtige Westfalin glücklicherweise verschont geblieben. Es habe zwar eine Blindarmentzündung gegeben, der Patient wurde jedoch zunächst in ein ortsansässiges Krankenhaus und später per MEDEVAC-Einsatz (Medizinische Evakuierung) nach Deutschland geflogen. Und weil Kilp als Ärztin auch ein wenig der seelische Kummerkasten des Schiffes ist, nimmt sie zusätzlich die Aufgaben des Betreuungsoffiziers wahr und organisiert in den jeweiligen Häfen kleine Sightseeing-Touren, damit die Soldaten auch an Land ein Ziel haben.
Als Truppenarzt auf ein Schiff zu gehen, hat die Neu-Wilhemshavenerin immer mehr gereizt, als der Dienst in einem Sanitätszentrum an Land. „Ich muss bei einer Fregatte in See deutlich mehr entscheiden“,
sagt sie. Dazu gehöre auch, dem Kommandanten gewissermaßen in die Fahrroute zu greifen, wenn es ein Notfall erfordere, den nächsten Hafen anzusteuern. In Kürze wird sie ihre Facharztausbildung am Bundeswehrkrankenhaus Hamburg beginnen. Aber es wird nicht lange dauern, bis sie wieder auf einem Schiff anheuern wird, dann als Fachärztin für Anästhesie.


