BALTIC SAREX 2012
Bornholm, 16.05.2012.
Um für mögliche Schiffsunglücke besser gerüstet zu sein, übten militärische und zivile SAR-Kräfte der Ostsee-Anrainerstaaten für den Ernstfall. Vom 7. bis zum 12. Mai trainierten rund 400 Helfer mit 30 Schiffen und sieben Hubschraubern aus zehn Nationen vor der dänischen Insel Bornholm. Dabei galt es verschiedene Katastrophen-Szenarien zu bewältigen und so die Zusammenarbeit zu vertiefen.

Aus allen Bereichen des Schiffes sind Hilferufe zu hören, Menschen liegen eingeklemmt unter Trümmern , Besatzungsangehörige laufen verletzt, irritiert und geschockt über das Schiff. Im Wasser treiben zahlreiche Rettungswesten und aus dem Maschinenraum quillt den Rettungskräften dichter Rauch entgegen. Feuer an Bord! Es ist ein chaotisches Bild, welches sich den dänischen Marinesoldaten nach der Kollision der beiden dänischen Schiffe „Gunnar Seidenfaden“ und „Sleipner“ vor der Küste Bornholms bietet.

Training für den Ernstfall
Zum Glück ist dieses Szenario kein reeller Unfall, sondern Teil einer großen zivil-militärischen SAR (Search and Rescue) -Übung der baltischen Anrainerstaaten. Die verletzten Seeleute sind geschminkte Freiwillige der dänischen Marine, die Rettungswesten im Wasser präparierte Schwimmkörper, sogenannte „Dummies“, die über Bord gegangene Seeleute darstellen. Der Rauch an Bord des Havaristen wird durch Nebelmaschinen erzeugt.
Zügig aber nicht hektisch versuchen sich die Rettungskräfte einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Doch nach kurzer Zeit stellen sie fest, dass ihre Möglichkeiten hier sehr schnell erschöpft sind und bei weitem nicht ausreichen. Also entschließen sie sich, über das Koordinierungs- und Rettungszentrum (JRCC, Joint Rescue Coordination Center) auf Bornholm Hilfe anzufordern.
Dort werden sofort weitere Unterstützungseinheiten alarmiert und während des Einsatzes koordiniert. Unter den herbeigerufenen und eingesetzten Einheiten befindet sich auch ein „Sea King“-Hubschrauber des Marinefliegergeschwader 5 aus Kiel-Holtenau und die „Theo Fischer“, ein Rettungskreuzer der DGzRS.

Übungsgedankte tritt in den Hintergrund
Während die Besatzung der „Theo Fischer“ nach verletzten Personen im Wasser Ausschau hält und diese an Bord nimmt, werden verletzte, aber bereits geborgene und verarztete Personen von Bord eines ebenfalls zur Hilfeleistung eingetroffenen russischen Schleppers und Eisbrechers durch die Marineflieger aus Kiel an Bord „gewinscht“ – so der Fachausdruck für das Aufnehmen von Personen per Seilwinde.
„Im Verlauf der Übung tritt bei allen Beteiligten der „Übungsgedanke“ mehr und mehr in den Hintergrund und man ist genauso angespannt wie bei einem reellen SAR-Einsatz“,
erklärt der Austauschoffizier der Royal Navy und Luftfahrzeugführer des deutschen „Sea King“-Helikopters, Lieutenant Lars Brazier (39).

Internationale Zusammenarbeit
Während die Hubschrauber-Besatzung aus Kiel Personen mit dem Rettungskorb an Bord holt, wird es auf der „Gunnar Seidenfaden“ noch einmal brenzlig. Plötzlich bricht erneut ein Brand aus, bei dem auch Chemikalien freigesetzt werden.
Sofort wird die Besatzung eines französischen Kriegsschiffes alarmiert, die sich unverzüglich, gemeinsam mit russischen und dänischen Kräften, an die Bekämpfung des Brandes und die Versorgung von Verletzten macht. Zu dieser Zeit werden weitere Personen durch einen lettischen MI-8-Hubschrauber von Bord der „Gunnar Seidenfaden“ abgeborgen und zur medizinischen Versorgung nach Bornholm geflogen.

Zeitgleich findet im Rahmen der SAR-Übung auf der anderen Seite Bornholms ein ähnliches Szenario statt. Hier ist die Auto- und Personenfähre „Paul Anker“ mit einem Frachter kollidiert. Es sind mehrere Brände ausgebrochen sowie mehrere Personen an Bord verletzt und einige in Panik über Bord gesprungen. Hilfe erhält der Havarist unter anderem durch das deutsche Feuerlöschschiff „Kiel“, den SAR-Kreuzer „Pasat“ aus Polen und diverse Hubschrauber aus Dänemark, Estland und Schweden.
Gemeinsam für mehr Sicherheit
Nach knappen sechs Stunden sind die Brände gelöscht, alle Verletzten bzw. vermissten Personen gerettet und geborgen worden. „Dieses große Szenario stellt aber auch den Höhepunkt der ganzen Woche da, und wir haben jeden Tag mit mehreren sich im Anspruch und Umfang steigernden Einsätzen darauf hin gearbeitet“
, sagte der Pilot der deutschen Maschine.

Insgesamt 10 Nationen (Dänemark, Schweden, Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Polen, Russland, Deutschland und auch Frankreich) beteiligten sich eine Woche an dieser komplexen Übung. Ursprünglich aus dem PfP (Partnership for Peace) -Gedanken entstanden, findet diese Übung bereits seit 1996 im Mai eines jeden Jahres in den Gewässern um die geographisch für alle günstig gelegene Insel Bornholm statt. Mit ständig wachsender Beteiligung ziviler und militärischer Kräfte.
Angesichts schwerer Schiffsunglücke, wie dem der polnischen Fähre „Jan Heweliusz“ 1993, der „Estonia“ 1994, der „Lisco Gloria“ 2010, aber auch jüngst der Havarie der „Costa Concordia“ im Mittelmeer, sind solche Übungen aus der Sicht der Verantwortlichen unverzichtbar und gut investierte Ressourcen.
