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„Nemo“ in Afghanistan

Berlin, 04.09.2013.
Marineoffizier Christopher R. fuhr lange Jahre im Uboot zur See. Seit einigen Jahren jedoch ist sein „militärischer Hafen“ die Zivil-Militärische Zusammenarbeit in den Auslandseinsätzen der Bundeswehr – Erkenntnisse aus Kunduz.

CIMIC-Offizier Kapitänleutnant Christopher R. kümmert sich um afghanische Waisenkinder und Schüler.

Ein Herz für Kinder (Quelle: © 2013 Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Im Lager Kunduz nennen ihn alle nur „Nemo“. Kapitänleutnant Christopher R. (51) war 20 Jahre Elektronik- und Wachoffizier auf verschiedenen Ubooten. Mit Leidenschaft. Jetzt ist er CIMIC-Offizier und war im 31. Kontingent im Provincial Reconstruction Team (PRT) Kunduz im Einsatz. Auch mit Leidenschaft, wie man schnell merkt, wenn man mit ihm über seine Arbeit und die Projekte des CIMIC-Personals in Nordafghanistan spricht. Auf der Uniform tragen sie „NKWG“ – Non Kinetic Working Group. Dies beschreibt einen etwas anderen Weg der ISAF-Unterstützung.

In ähnlicher Tätigkeit war ich im Auftrag der UN und KSZE unter anderem auch mehrmals im Sudan tätig“, erzählt R., und weiß aus eigener Erfahrung, welcher Stellenwert der CIMIC-Arbeit insbesondere bei solchen asymmetrischen Konflikten zukommt, bei denen sich Soldaten ständig inmitten der Zivilbevölkerung bewegen.

CIMIC (Civil Military Cooperation) ist eine Fähigkeit der Bundeswehr, die auch schon in den Auslandseinsätzen im Kosovo oder in Somalia zum Einsatz gekommen ist. Dabei setzt man vor allem auf die Schwerpunkte Informationsgewinnung, Netzwerkaufbau und Unterstützung der Zivilbevölkerung.

Kapitänleutnant Christopher R. bei einer Lagebesprechung mit zukünftigen afghanischen CIMIC-Soldaten.

Mit Leidenschaft bei der Arbeit (Quelle: © 2013 Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Der Mensch im Mittelpunkt

Bei der ersten Aufgabe geht es darum, Verbindung aufzunehmen und zu halten. Einerseits zu den örtlichen Organisationen wie Armee und Polizei, andererseits zusammen mit diesen Organisationen direkt mit der Bevölkerung, mit den Ortsältesten und den so genannten Religious Culture Advisers (RCA), den religiösen Führern der Ortschaften und Städte. Diese Erkenntnisse dienen dann zum Aktualisieren des gesamten militärischen Lagebildes sowie zum Aufbau von Vertrauen innerhalb der Bevölkerung. Hierbei hat R. schon viele Erfahrungen gesammelt, und berichtet von einigen Beispielen.

Man muss sich einfach für die Menschen interessieren, sie fragen, woran es mangelt und ihnen auch mit ganz kleinen Dingen helfen. Dabei sind mir vor allem die Kinder in den Schulen wichtig. Wenn es uns gelingt, diesen einen geregelten Schulbetrieb zu ermöglichen, überträgt sich diese Zufriedenheit in die Familien und in die Dörfer hinein. Gleichzeitig entzieht eine solche Stimmung den Aufständischen den Nährboden“, so der Kapitänleutnant weiter.

CIMIC-Soldaten zu Besuch bei Dorfältesten und Würdenträgern in Afghanistan.

Freundschaften schließen (Quelle: © 2013 Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Unterstützung der Zivilbevölkerung

Die zweite Hauptaufgabe von CIMIC ist das Initiieren und Begleiten von Hilfsprojekten. Ein großes eigenes Budget oder eigene Gerätschaften stehen hierfür meist nicht zur Verfügung, aber die Soldaten wissen, wo man Unterstützung bekommen kann, und wer welche Ausstattung hat. Auf diese Weise wurden schon Schulen mit Tischen und Stühlen ausgerüstet oder Orte mit einer funktionierenden Trinkwasserversorgung ausgestattet.

Die dritte Hauptaufgabe, das Unterstützen der Zivilbevölkerung, muss in Zukunft von den Afghanen selbst durchgeführt werden. Deshalb ist es wichtig, dass die afghanischen Streitkräfte in die Lage versetzt werden, nach Abzug der Bundeswehr die Unterstützungsleistungen für die eigene Bevölkerung zu erbringen und fortzuführen. Man muss diese Thematik insbesondere aus afghanischer Sicht sehen. Institutionen wie Technisches Hilfswerk gibt es hier nicht. Budgets aus Steueraufkommen für Gemeinschaftsaufgaben sind minimal vorhanden, und wenn, dann eher aus den Geldmitteln von weit entfernten Regierungs- und Regionalverwaltungen. Daher gewinnt diese Ausbildungsaufgabe in der letzten Phase der ISAF-Präsenz immer mehr an Bedeutung.

Ein CIMIC-Soldat stellt die Besonderheiten eines Lautsprechers dar.

Technik zum Anfassen (Quelle: © 2013 Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Ausbilden im afghanischen Kandak

Szenenwechsel: Camp Pamir. Dort sind zwei afghanische Kandaks (Bataillone) stationiert, die ausgebildet werden. Auch solche Fahrten sind zunächst einmal militärische Operationen. Im Hörsaal angekommen, merkt man gleich, dass sich hier Freunde treffen. Die deutschen Soldaten genießen eine hohe Wertschätzung. Irgendwie hat man das Gefühl, dass die Afghanen denken: „Gut, dass ihr da seid.“

Im Unterricht erzählt der ehemalige Uboot-Fahrer viel von seinen Erfahrungen aus früheren CIMIC-Projekten. Auf Englisch – der mitgereiste Dolmetscher übersetzt in die Landessprache. Es geht um ganz einfache Dinge, wie man die Bevölkerung Unterstützen kann. Er gibt Beispiele für einfache sanitätsdienstliche Hilfestellungen, und spricht über die Notwendigkeit von regelmäßigen Besuchen.

Der deutsche CIMIC-Offizier will Ideen geben, will die Afghanen mit der besonderen Rolle konfrontieren, in die sie hineinwachsen können und fordert immer wieder: „Erarbeitet Euch Vertrauen in der Bevölkerung, Ihr müsst bei Euren Landsleuten als Freund und Helfer im Bewusstsein verankert sein.“ Ein weiterer Unterrichtsschwerpunkt ist die Zusammenarbeit der unterschiedlichen militärischen Ebenen – vom Bataillon über die Brigade bis zu den Korps. Auch diese Informations- und Befehlsketten sind für ein funktionierendes afghanisches CIMIC-System von elementarer Bedeutung.

Deutsche Soldaten schulen künftige afghanische CIMIC-Soldaten.

Geländeskizze (Quelle: © 2013 Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Jedem ist klar, dass die Bundeswehr in ein paar Monaten nicht mehr da ist. Ob unter einem eventuellen Nachfolgeauftrag überhaupt noch solche CIMIC Hilfestellungen gegeben werden können, ist unklar. „Wir sind sehr dankbar für die Unterstützung, die wir hier erfahren“, sagt Major H. von der afghanischen Armee. „Wir nehmen die Hinweise und Ideen auf und würden gerne weiter mit den deutschen Kameraden zusammenarbeiten. Unsere Erfahrungen aus den bisherigen Projekten sind sehr positiv und stärken unsere Position in den Dörfern. Ziel ist es sogar, ein CIMIC-Bürgerbüro im Kandak einzurichten, an das sich die Bevölkerung immer wenden kann.

Nach diesem Unterrichtstag wird klar, dass die CIMIC- Soldaten ein besonderes Einfühlungsvermögen und interkulturelle Kompetenz besitzen müssen. Gestik, Mimik und Verhalten der Afghanen unterscheiden sich oft von uns gewohnten Eigenschaften. Auch muss die hohe Analphabetenrate berücksichtigt werden. Bei den Unterrichten gilt da eben: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“

Nach vier Stunden geht ein spürbar erfolgreicher Ausbildungsabschnitt zu Ende, der Rückmarsch verläuft unproblematisch. Wieder sicher im Lager angekommen resümiert der deutsche Marineoffizier zufrieden: „Das war heute wieder ein kleiner Schritt auf dem Weg zu einem afghanischen CIMIC. Es gibt noch so viele Themen die man ansprechen könnte, aber uns geht die Zeit aus.“

Kapitänleutnant Christopher R. war vor seiner Tätigkeit als CIMIC-Soldat Uboot-Fahrer.

Uboot-Pin (Quelle: © 2013 Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Leidenschaft zum Beruf gemacht

Man merkt ihm an, dass es noch viele Dinge gibt, die er noch im Hinterkopf hat. Ganz wichtig sind ihm die Kinder und Frauen, die es in eine solche Betreuung und Unterstützung einzubinden gilt, vor allem die vielen Waisenkinder. „Die sind wirklich das schwächste Glied in einer Gesellschaft, sie haben weder Heimat noch Familie“, betont R. Deutlich geworden ist, dass die Ausbildung der afghanischen Soldaten zum „Freund und Helfer“ in ihrer jeweiligen Region ein wichtiger Beitrag ist, um die Bevölkerung zu unterstützen und der afghanischen Armee eine noch bessere Verankerung und Bedeutung in der Gesellschaft zu geben.

Kapitänleutnant R., der Uboot-Offizier, der seine Leidenschaft zum Beruf in den CIMIC-Projekten auslebt, erzählt am Ende des Tages noch von seinem größten Wunsch: „Zu gerne würde ich einmal in Berlin oder Potsdam über die CIMIC-Thematik und verschiedene Ideen sprechen“ – mal sehen, ob da eine Einladung kommt.“

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Stand vom: 27.11.13 | Autor: 


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