Startseite Bundeswehr

Sie sind hier: Startseite > Aktuelles > Archiv > Das Jahr 2010 > Großereignisse 2010 > Einsatz- und Ausbildungsverband 2010 > Berichte über den Einsatz- und Ausbildungsverband 2010 > Deutsche und südafrikanische Marine üben gemeinsam den Katastrophenfall

Deutsche und südafrikanische Marine üben gemeinsam den Katastrophenfall

In See, 17.03.2010, Alexander Wald (PIZ Marine).
Immer wieder kommt es in der Welt zu Naturkatastrophen. Hilfe und Unterstützung erfolgt meist auf dem See- oder dem Luftweg. So kann auch die Marine jederzeit kurzfristig den Auftrag zur Hilfeleistung erhalten. Damit die Marinesoldaten dann nicht unvorbereitet sind, trainieren sie den Katastrophenfall beim sogenannten Disaster Exercise (DISTEX). Die Fregatte BRANDENBURG als Einheit des Einsatz- und Ausbildungsverbandes (EAV) 2010 nahm erfolgreich in Südafrika an einer solchen Übung der dortigen Marine teil.

Deutsche und südafrikanische Marinesoldaten werden bei der Übung von der hilfesuchenden Bevölkerung belagert.
Hilfesuchende Bevölkerung (Quelle: © 2010 Bundeswehr / Ann-Kathrin Fischer)Größere Abbildung anzeigen

Korvettenkapitän Jürgen Radermacher ist normalerweise nur schwer aus der Ruhe zu bringen. Aber der Schiffstechnische Offizier der Fregatte BRANDENBURG steht im Rahmen der Übung einer aggressiven Gruppe von rund 30 Personen gegenüber, die ihn und seine Männer daran hindern, dringend benötigte Hilfe zu leisten. Mit allen möglichen Schlagwerkzeugen bewaffnet, stellen sie sich lautstark den Sanitätern und Brandabwehrtrupps des Schiffes entgegen.

Zwei Seemeilen von dem Szenario entfernt, steht Fregattenkapitän Torsten Ites ungeduldig auf der Brücke. Der Kommandant der BRANDENBURG ist nicht glücklich über die Flugplanung des südafrikanischen ORYX Hubschraubers. Dieser soll dringend benötigtes Personal und Material an Land bringen, auf das der Rettungstrupp unter Leitung des Ersten Offiziers dringend wartet. Im Moment steht er shut down“, also mit stehendem Rotor, auf dem Flugdeck. Noch „klemmt“ es in der Ablauforganisation. Aber das aufzuzeigen, hat seinen Sinn. Was war passiert? Ein Zyklon ist über Salamander Point - ein fiktiver Ort an der afrikanischen Küste - gefegt. Er hat schwerste Verwüstungen hinterlassen und dringende Hilfe für die Bevölkerung eines Ortes ist gefragt.

Dieses Szenario hat der Serial Plan des Manövers GOOD HOPE IV so definiert, in dessen letzter Woche sich der Einsatz- und Ausbildungsverband befindet. Während die Fregatte NIEDERSACHSEN gemeinsam mit der Fregatte SAS AMATOLA bei einem Landzielschießen ist, macht die Fregatte BRANDENBURG zusammen mit der Fregatte SAS SPIOENKOP eine völlig neue Erfahrung: Die enge Zusammenarbeit der deutschen und südafrikanischen Marine bei einer derartigen Übung an Land - Hand in Hand eine Hilfeleistung an Land zu koordinieren und gemeinsam zu trainieren. Die Teilnehmer beider Nationen haben dabei viel gelernt.


Verletzte Personen werden von Deutschen und Südafrikanern geborgen.
Übungsteilnehmer bei Bergungsarbeiten (Quelle: © 2010 Bundeswehr / Ann-Kathrin Fischer)Größere Abbildung anzeigen

Unbekanntes Terrain und fremde Kultur machen das Helfen schwierig

Lernen muss der Erste Offizier (IO) der Fregatte BRANDENBURG so einiges an diesem Tag, worauf er wohl gerne verzichtet hätte. Die Bürgermeisterin des Ortes bedrängt Korvettenkapitän Hilko Klöver regelrecht: Nahrungsmittel werden dringend benötigt! Seit 48 Stunden sind die Menschen hungrig und daher aggressiv. Sie trauen den vermeintlichen Rettern nicht. Ein mit Wasser vollgelaufenes und vom Sturm auf das Land gedrücktes Boot versperrt die einzige Straße. Kein Durchkommen für die Helfer. Essen? Danach fragt der IO häufiger an Bord der beiden Fregatten. Personal und Material kommen schleppend.

Die erste Welle der Helfer ist per Speedboot und Kutter der BRANDENBURG gekommen. Aber der Weg ist lang. Schneller geht es mit den beiden Hubschraubern: einem deutschen SEA LYNX und einem südafrikanischen ORYX. Doch der einzige Landeplatz präsentiert sich den Besatzungen als brennendes Schlachtfeld – der Sturm hat ganze Arbeit geleistet.

Korvettenkapitän Radermacher lässt die Brandabwehrtrupps vorgehen. Solange muss alles weitere Personal über dem verwüsteten Gebiet aus der Luft abgewinscht werden. Die Sanitäter und der Schiffsarzt treffen ein. Schwerverletzte sind zu bergen. Das Szenario macht es den Helfern im wahrsten Sinne des Wortes nicht leicht. Ein korpulenter Mann muss aus einem zusammengedrückten Wagen geborgen werden. Ein Wirbelsäulenverletzter wird vorsichtig auf einer Holzbole behelfsmäßig abtransportiert.

nach oben


Ein schwerverletzter Mann wird von einem Sanitäter versorgt.
Sanitäter haben alle Hände voll zu tun (Quelle: © 2010 Bundeswehr / Ann-Kathrin Fischer)Größere Abbildung anzeigen

Erkennen, verstehen, improvisieren

Für die deutsche Besatzung ist dieses Disaster Exercise besonders anspruchsvoll. Zwar sind solche Übungen aus dem German Operational Sea Training" (GOST), das alle Schiffe regelmäßig durchlaufen müssen, bekannt. Aber das Gelände der Offizierschule der South African Navy in Gordon's Bay hat noch keiner der Beteiligten gesehen. Dass die Besatzungen der SPIOENKOP und der BRANDENBURG anfangs über ein unterschiedliches Koordinatensystem des Geländes verfügen, macht die Sache nicht einfacher. Aber hier zeigt sich der Sinn der Übung: Erkennen, verstehen, lernen, improvisieren, gemeinsam handeln. Ein neuer, unbekannter Trainingspartner verschärft die Bedingungen weiter und erhöht den Schwierigkeitsgrad. Doch die Helfer aus den beiden Besatzungen finden sich zusammen.

Nachdem das, die Straße versperrende, Boot mit einer Pumpe der BRANDENBURG leer gemacht ist, können die Brandabwehrtrupps endlich zum brennenden Hotel auf der anderen Dorfseite vorrücken. Dort legen die Deutschen die Anschlüsse und fördern das Wasser über viele Meter Höhenunterschied aus dem Meer. Die Südafrikaner gehen in die Hotelzimmer, löschen die Feuer, retten Verletzte und bergen die Toten. Selbst der Pfarrer des EAV, Militärdekan Michael Berning, kommt im Verlauf der Übung zum Einsatz.

nach oben


Weitere Helfer werden aus einem südafrikanischen ORYX Hubschrauber abgewinscht.
Hilfe aus der Luft (Quelle: © 2010 Bundeswehr / Ann-Kathrin Fischer)Größere Abbildung anzeigen

"Damit haben wir so nicht gerechnet"

Alles ist neu – auch Kultur und Verhalten der Menschen (die Schauspieler stammen alle aus der südafrikanischen Marine). Sie geben sich aggressiv, demonstrieren für Lebensmittel, stehlen Equipment und kidnappen sogar kurzfristig den Assistenten des Einsatzleiters vor Ort, um ihn als Druckmittel für Nahrung zu „missbrauchen“.

„Damit haben wir so nicht gerechnet“, sagt Korvettenkapitän Hilko Klöver am Ende der Übung. „Wir wollten helfen, mussten aber erst einmal sichern. Das Essen war früher eingeplant, kam aber zu spät“, meint der IO der BRANDENBURG. „Das machen wir das nächste Mal besser.“ Vieles war neu, überraschend und anders. Diese Erkenntnis brachte das spannende Szenario des DISTEX an dem Tag. Aber auch die, dass man es kann: Notfallhilfe an einem unbekannten Ort mit einem nicht eingespielten Partner.

nach oben

Bilder


FußFzeile

nach oben

Stand vom: 07.08.12 | Autor: 


http://www.marine.de/portal/poc/marine?uri=ci%3Abw.mar.aktuelle.archiv.jahr2010.gross10.eav2010.berichteeav&de.conet.contentintegrator.portlet.current.id=01DB070000000001%7C83MCPG330INFO