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„Es ist so schön, getauft zu sein“

FGS NIEDERSACHSEN, 04.02.2010, Max Asmuß & Carsten Halbach.
Am 31. Januar war es soweit. Der Einsatz- und Ausbildungsverband 2010 (EAV) überquerte den Äquator beim Nullmeridian, also genau Null Grad Länge. Das obligatorische Zeremoniell der Taufe war zu diesem Zeitpunkt bereits abgeschlossen und alle diejenigen, die die „Reinigung“ über sich ergehen lassen wollten, waren in Neptuns Reich aufgenommen.

Großadmiral Triton macht Meldung beim Kommandanten der Fregatte NIEDERSACHSEN
Die Getauften werden in Neptuns Reich aufgenommen (Quelle: © 2010 Bundeswehr / Christian Sorg)Größere Abbildung anzeigen

Die heiße Phase der Vorbereitungen begann mit dem Auslaufen aus Teneriffa. Motiviert durch tägliche Durchsagen mit Neuigkeiten aus dem Unterwasserkristallpalast bildete sich schnell eine außerparlamentarische Opposition, der selbstverständlich jegliche rechtliche Grundlage fehlte.

Allen voran sind hier die „Antiäquatorpartei“, kurz AÄP, und die Gruppierung Girls Power vs. Neptun“ zu nennen. Die Waffe war das geschriebene Wort, es gab bald keine freie Fläche an Bord, die nicht von Neptuns Anhängern oder dessen Gegnern plakatiert wurde. Doch es blieb nicht bei dieser gewaltlosen Form des Protestes. Beide Seiten schafften es, Anhänger des jeweiligen Gegners zu überwältigen und mit gedruckten Botschaften abzulichten.


Neptun und seine Frau Thetis auf der Fregatte
Ausgelassene Stimmung während der Taufe (Quelle: © 2010 Bundeswehr / Christian Sorg)Größere Abbildung anzeigen

Die Vorbereitungen

Unterdessen liefen die Vorbereitungen der Ehrwürdigen, so werden die bereits Getauften genannt, auf Hochtouren. Wohlwissend, dass Neptuns Besuch unausweichlich ist und letztendlich niemand seiner Macht widerstehen wird, galt es einen Parcours vorzubereiten. Dieser diente in erster Linie dazu, die „Delinquenten“ von allem Schmutz und Unrat der nördlichen Hemisphäre zu säubern, damit sie gereinigt vor den Meeresgott treten konnten.

Am Freitagabend wurde dann durch den Kommandanten der Fregatte NIEDERSACHSEN, Fregattenkapitän André Dirks, ein Waffenstillstand zwischen den rivalisierenden Fronten ausgerufen. Dieser wurde selbstverständlich und ausnahmslos eingehalten.

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Zwei Trabanten der Äquatortaufe
Äquatortaufe auf der Fregatte NIEDERSACHSEN (Quelle: © 2010 Bundeswehr / Christian Sorg)Größere Abbildung anzeigen

Grenzenlose Fantasie

Samstagnachmittag war es dann soweit. Großadmiral Triton und sein Gefolge wurden vom Kommandanten im Rahmen einer Besatzungsmusterung empfangen. Bei der Wahl des Anzuges waren der Fantasie keine Grenzen gesetzt, sodass es zu einigen sehr skurrilen Abwandlungen des Tagesdienstanzuges kam.

Nachdem die Front abgeschritten war, kam man zum offiziellen Teil. Neptuns höchster Offizier bat um das Einverständnis des Kommandanten, den Herrscher aller Meere, Flüsse, Teiche, Tümpel und Moraste zu empfangen und die Taufe durchführen zu lassen. Diese Anfrage konnte und wollte der Kommandant, der selbst zu den Getauften zählt, natürlich nicht ablehnen und ließ dem Meeresgott daneben noch seine herzlichsten Grüße ausrichten.

Anschließend wurden all diejenigen, die sich durch Tat und Wort besonders aufmüpfig gezeigt hatten, einzeln aufgerufen, und je nach Schwere der Schuld als „verschärfter Sonderfall“ oder gleich als „vogelfrei“ deklariert.

Zum Abschluss der Musterung gab es den ersten Vorgeschmack auf den folgenden Tag, als die noch versammelten Ungetauften vom Hangardach aus mit Wasser aus Feuerlöschschläuchen „vorgereinigt“ wurden.

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Die Taufe

Der Tag der Taufe begann für alle Beteiligten in aller Frühe. Die Täufer versammelten sich bereits um 5.30 Uhr im Hangar, um letzte Details zu klären und kurz darauf die Nacht für alle Unwürdigen je zu beenden. Diese hatten sich umgehend auf dem sogenanten RAS-Deck einzufinden, der Rest des Schiffes war, mit Ausnahme der Mannschaftsmessen, gesperrt. Während die Unwürdigen bereits warteten, befanden sich die Täufer noch in der Portepee-Unteroffizier-Messe, wo ausgiebig gefrühstückt wurde.

Dann war es soweit. Die ersten Staubgeborenen wurden auf den Parcours befohlen. Nachdem sie den mit Fendern verhangenen seitlichen Zugang zum Flugdeck, den sogenannten „Ho-Chi-Minh“-Pfad, geschafft hatten, wurden sie sofort von einem Trabanten empfangen, der sie sodann auch über den ganzen Parcours bis zum Taufbecken begleitete.

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Gruppenbild der Taufgemeinschaft
Eine alte Tradition: Die Äquatortaufe (Quelle: © 2010 Bundeswehr / Christian Sorg)Größere Abbildung anzeigen

Als würdig erwiesen

Wenn dann der Barbier und Astronom geschafft waren, durfte man gereinigt zunächst vor Thetis treten und ihre Schönheit mit wohlausgesuchten Komplimenten zu beschreiben. Wem es dann gelang, vor Neptun seinen Spruch aufzusagen und damit seine Macht anzuerkennen, hatte es fast geschafft, es wartete noch das Taufbecken.

Wenn man dieses Verlassen hatte, durfte man sich zum ersten Mal aus dem Entengang erheben, der für alle Ungetauften bis dahin die Fortbewegungsart war, und aufrecht vor den Kommandanten treten, um sich als getauft zu melden und mit diesem darauf anzustoßen.

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Gemeinsamer Abend

Gegen Ende des Tages war es dann geschafft. Die rund 40 Besitzer einer Taufurkunde hatten auch den letzten der rund 150 Unwürdigen in einen angemessenen Zustand gebracht, um vor seine Herrlichkeit Neptun zu treten.

Der Tag wurde dann schließlich mit einem Besatzungsgrillen auf dem Flugdeck gemeinsam beendet. Dieses war zuvor von den frisch Getauften aufgeräumt worden. Es gab reichlich zu erzählen und bei ausgelassener Stimmung konnte ein sehr erfolgreicher Tag, der sowohl den Täufern als auch den frisch Getauften viel Spaß gemacht hatte, Revue passiert werden lassen.

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Taufen bei der Marine

Äquator-, Polarkreis-, Kanaltaufen usw. sind aus der seemännischen Tradition der Handelsschifffahrt abgeleitet. In der Deutschen Marine sind sie grundsätzlich erfreuliche Zeichen einer lebendigen Bordgemeinschaft und sind zu einem festen Bestandteil des Dienstes an Bord von Schiffen und Booten geworden. Die Vorbereitung und Durchführung der Taufen ist durch den Befehlshaber der Flotte seit Jahren per Befehl geregelt. Diese Durchführungsbestimmungen sind verpflichtend. Abweichungen werden nicht geduldet. Der Vorgesetzte an Bord ist verantwortlich. Das heißt, es wird eine vorbereitende Aufklärung durch die Vorgesetzten durchgeführt und hinreichende Dienstaufsicht sichergestellt. Die Teilnahme ist freiwillig und unterliegt der persönlichen Entscheidung jedes Einzelnen. Die Entscheidungsfreiheit darf weder mittelbar noch unmittelbar beeinträchtigt werden. Vorgesetzte müssen verdeutlichen, dass die Entscheidung des nicht taufwilligen Soldaten zu akzeptieren und von allen zu respektieren ist. Eine Entscheidung zur Nichtteilnahme darf keinerlei negative Auswirkungen für den Soldaten haben. Die Ausgestaltung und der Verlauf der Taufe müssen gewährleisten, dass die Teilnehmer in ihrem persönlichen Ansehen nicht herabgewürdigt, in ihrer Selbstachtung nicht beeinträchtigt werden und eine Gefährdung ihrer körperlichen Unversehrtheit vermieden wird.

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Tradition und Ursprung

Die Äquatortaufe ist keine Taufe im religiösen Sinn. Der Brauch hat seinen Ursprung in der Zeit der Entdeckungsreisen der Portugiesen, die beim Überschreiten des damals gefürchteten Äquators ihren Mut und ihre Gläubigkeit durch eine Taufe bekräftigen wollten. Heutzutage ist es eine beliebte Tradition, die auch von vielen anderen Marinen als fester Bestandteil bei Äquatorüberquerungen durchgeführt wird.

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Wichtige Figuren

Neptun:

Herrscher aller Meere, Flüsse, Teiche, Tümpel und Moraste Der römische Gott Neptunus ist der gleiche Gott wie der Wassergott Poseidon und war ursprünglich vermutlich der Gott der fließenden Gewässer, der springenden Quellen oder sogar des Wetters. Ab dem beginnenden 4. Jahrhundert v. Chr. wurde er dem griechischen Poseidon gleichgesetzt, womit er auch zum Gott des Meeres wurde. Damit wurde er zweitmächtigster Gott des Olymps. Er wird meistens mit seinem Symbol, dem Dreizack, Seewesen oder Delphinen dargestellt. In den allermeisten Fällen trägt er einen Bart und lange Haare. Bei der Äquatortaufe stellt er die letzte Instanz der Taufe dar. Sobald der Täufling die Macht des Neptun anerkennt, hat er die Zeremonie erfolgreich beendet und kann sich als getauft betrachten.

Thetis:

Sie ist eine Meeresnymphe aus der griechischen Mythologie. Sie war die Schönste der Nereiden genannten zahlreichen Töchter des Meeresgottes Nereus. In einer Prophezeiung der Themis war vorausgesagt worden, dass der Sohn der Thetis stärker und mächtiger als sein Vater werden würde. Deshalb wollte keiner der Götter die Göttin Thetis heiraten, und sie überließen ihr den sterblichen Peleus zum Mann. Bei der Äquatortaufe nimmt sie die Rolle der Schönheit der sieben Meere ein. Es ist die Pflicht eines jeden Täuflings, sie mit Komplimenten über ihre Schönheit zu schmücken. Wenn diese Aufgabe erfolgreich absolviert wurde, kann der zu taufende Soldat vor Neptun treten und sich taufen lassen.

Barbier:

Im Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit wurden im Bereich der Körperpflege, Wundheilung und Krankenpflege tätige Personen wie Bartscherer, Badeknechte und Krankenpfleger als Barbiere bezeichnet. Zusammen mit dem Bader versorgte der Barbier die vorwiegend männlichen Klienten, indem er deren Haare und Bärte pflegte. Aufgabe der Barbiere war es auch, Zähne zu ziehen, zur Ader zu lassen und ähnliche Behandlungen zu geben. Barbierzünfte sind in den Hansestädten ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zu finden: ab 1457 in Danzig, ab 1480 in Lübeck, ab 1486 in Hamburg. Zu Beginn der Äquatortaufe braucht jeder, der getauft werden soll, einen einheitlichen Haarschnitt. Mit neuer Frisur kann die allgemeine Reinigung weiter vollzogen werden.

Bordpolizei:

Sie ist die rechte Hand des Neptuns vor und während der Taufe. Diese sorgt dafür, dass die Ungetauften vor ihrer Zeremonie enthaltsam leben. Das bedeutet für diese, die Zeit ohne Genussmittel wie Zigaretten zu „überstehen.“ Bei Missachtung dieser von Neptun festgelegten Vorschriften wird der Delinquent bestraft. Diese Figuren werden bei den Taufen auf Schiffen der Marine durch bereits getaufte Soldaten dargestellt. Sie sind fester Bestandteil jeder Taufzeremonie an Bord und geleiten die Täuflinge durch die Aufgaben.

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Stand vom: 07.08.12 | Autor: 


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