Startseite Bundeswehr

Sie sind hier: Startseite > Über uns > Einheiten der Marine > Hilfsfahrzeuge > „Gorch Fock“ > Die erste Fahrt nach New York > New York New York 

New York, New York

33°04´N / 070°03´W. 14. Mai 1962. Es war ein seltsamer Abschied von dieser herrlichen Stadt. Wir genossen die wenigen Minuten auf der Pier, inmitten verliebter Pärchen und händeschüttelnder guter Freunde. Als die „Gorch Fock“ jedoch ein letztes Mal unter vollen Segeln den Hudson davonsegelte, versank dieses niemals schlafende Manhattan wieder in seine bizarre und ewig scheinende Stille. Trotzdem werde ich die Erinnerung an die warme, herzliche und charmante Atmosphäre dieser Stadt nie mehr verlieren. Eines Tages werde ich wiederkommen!

Das Segelschulschiff „Gorch Fock“ liegt vor New York 1962

Das Segelschulschiff „Gorch Fock“ liegt vor New York 1962 (Quelle: © Bundeswehr / PIZ Marine)Größere Abbildung anzeigen

Der Nebel, der bereits seit Tagen unser Begleiter war, hatte sich verzogen. Zehn Uhr. Plötzliche Rufe an Oberdeck: „Land in Sicht“. Hubschraubergeräusche ertönten. Und jetzt konnte auch ich hinter den Nebelschwaden die Skyline von New York erahnen. In der Gravesend Bay vor Long Island gingen wir vor Anker. Am späten Nachmittag hatten wir auch schon den ersten Amerikaner an Bord, ohne einen Hafen angelaufen zu haben. Dieser Gast war ein kleiner Vogel, der aussah wie ein Spatz. Er war so zutraulich, dass er sich auf den Kopf eines Kameraden setzte.

In der Mittagszeit am folgenden Tag kreuzte uns die UNITED STATES, ein 53.000-Tonnen- Riese. Sie hatte das Blaue Band gewonnen. Diese Auszeichnung erhielt nur das schnellste Schiff auf der Nordatlantikroute zwischen Europa und Amerika. Am Montag, dem 7. Mai war endlich der große Tag gekommen: die Ankunft im New Yorker Hafen. Der I. Offizier führte eine Musterung durch. Er versprach uns Landurlaub für jeden Abend bis zwei Uhr nachts, sofern wir uns benehmen würden. Noch einmal erinnerte er uns daran, dass wir die Repräsentanten der Bundesrepublik Deutschland sind und uns dessen bewusst zu sein sollten.

Nach dem Mittagessen brachte uns ein Schlepper den Lotsen für die Fahrt durch den Hudson und einige Reporter. Kaum waren wir aus den Engen der Hudsonmündung raus, öffnete sich vor uns der Blick auf den New Yorker Hafen und die Skyline Manhattans. Ein atemberaubender Anblick, der uns alle nicht mehr loslassen wollte. Ganz besonders das Empire State Building. „Alle Segel setzen!“ Mit frischer Brise und hart über Steuerbordbug gebrasst präsentierten wir uns den New Yorkern. So hatten sie angeblich noch nicht einmal die „Eagle“, das Schwesterschiff der alten „Gorch Fock“, gesehen.

Jetzt war auch unsere Eskorte vollzählig: Marineflugzeuge, Coast Guard Hubschrauber, Schlepper und Feuerlöschboote, die mit ihren Wasserfontänen eine gewaltige Kulisse boten. Vorbei ging es an der Statue of Liberty. Uns war der Liegeplatz der UNITED STATES zugewiesen und am Lagerschuppen daneben prangte das Spruchband ESSEX welcomes Gorch Fock“. Der Flugzeugträger ESSEX lag ein paar Piers von uns entfernt.

Rushour am Times Square

Rushour am Times Square (Quelle: © Archiv / Otto-Heinrich Weychardt)Größere Abbildung anzeigen

Ab ins Vergnügen

Am Montag waren viele Kameraden von uns in deutschen und amerikanischen Familien untergebracht. Mit einem Omnibus fuhren wir zum Plainshotel, wo die große Matrosenauktion stattfand. Die Mummis rissen sich um uns. Nach einem exzellenten Mahl wurden wir alle in schwere amerikanische Schlitten gepackt. Ziel war die Bowling Alley. Kegelschuhe an und ab ins Vergnügen.

Die Tage gingen dahin mit Besuchen von Museen und Tagesausflügen nach Kings Point, der Merchant Naval Academy, und West Point, der berühmten Offizierschule der US-Army. Hier war der Aufmarsch der Kadetten zum Mittagessen der, von einem Musikkorps begleitet, eine gefühlte halbe Stunde dauerte. Vielleicht wurde diese Schau auch nur für uns veranstaltet. Jedenfalls war das gemeinsame Mittagessen so schnell beendet, dass wir in dem beeindruckenden, fahnengeschmückten Speisesaal nicht einmal unsere Teller leer essen konnten.

Es wurden Politiker und hohe Militärs zu Spitzenessen und Cocktailpartys auf die „Gorch Fock“ eingeladen und wer keinen Dienst hatte, hatte Landgang. Ich aber bekam, wie zu befürchten war, keinen Familienurlaub. Am Mittwoch konnte ich endlich mit Onkel Ed telefonieren. Er freute sich sehr über meinen Anruf und bedauerte sehr, dass er nicht nach New York kommen konnte. Ich teilte ihm nämlich mit, dass ich keine Erlaubnis hatte, nach Indianapolis zu fliegen. Gegen Abend fand dann unser schon seit langem geplanter Auftritt im Liederkranz statt, dem Clubhaus des Deutschen Vereins. Zum Leidwesen der anwesenden Gäste brachten wir die alten deutschen Seemannslieder nur in verkürzter Fassung. Als Gegengabe tanzten uns Hawaii-Mädchen Tänze aus ihrer Heimat vor.

Blick von der 34. Straße auf das Empire State Building

Blick auf das Empire State Building (Quelle: © Archiv / Otto-Heinrich Weychardt)Größere Abbildung anzeigen

Let´s twist

Am nächsten Tag bummelten wir durch die Straßen New Yorks. Ziel war das Empire State Building. Von interessierten Passanten wurden wir gefragt, ob wir aus East oder West Germany kämen. Ein Fahrstuhl transportierte uns auf die Aussichtsplattform dieses imposanten Gebäudes. Es war eine einzigartige Erfahrung, die man in Deutschland nie hätte erleben können. Es war so windig, dass wir vorsichtshalber unsere Mützen unter den Arm klemmten. Zweite Station war das Museum Of Modern Arts. Hier bekamen wir als Soldaten freien Eintritt.

Die Tage vergingen wie im Flug und der Samstag war gekommen. An diesem Tag besuchte ich meine Gastfamilie. Ich wurde sehr nett empfangen. Die Kinder freuten sich riesig über die Mützenbänder, die ich für die Kleinen mitgebracht hatte. Aber ich wurde auch überrascht. Es hieß nämlich Let´s twist“. Es war der erste Twist meines Lebens. Und er wurde den ganzen Abend getanzt. Am Sonntag war ich dann noch bei der Familie eines Crewkameraden meines Vaters (Crew X/16) aus Kaisers Zeiten eingeladen. Die Abschiedsworte seiner Tochter waren: „Vergiss nicht zu schreiben." Dabei hatte ich doch immer nur an meine Freundin gedacht.

Dies war mein letztes Erlebnis in Amerika und in New York. Was erlebt die Crew auf der Rückreise? Und wie wird sie zu Hause empfangen?

nach oben

Bilder


FußFzeile

nach oben

Stand vom: 28.07.14 | Autor: 


http://www.marine.de/portal/poc/marine?uri=ci%3Abw.mar.ueberuns.einheiten.hilfsfahrzeuge.gorchfock.newyork.3bericht