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Minentaucher: Alleine auf 54 Meter Wassertiefe

Kiel, 11.12.2017.

„Nec aspera terrent“ steht über der Eingangstür der Minentaucherkompanie in Eckernförde. Widrigkeiten schrecken nicht, das Motto der Einheit. So bescheiden sie sind – das sind keine normalen Marinesoldaten. Unter Wasser beherrschen sie ihr Handwerk genauso wie an Land. Nur besonders belastbare Soldaten können die fordernde Arbeit bewältigen. Auf bis zu 54 Metern Tiefe alleine unter Wasser – das ist nichts für jedermann. Für Sebastian schon. Heute sprengt er drei Wasserbomben.

Die „Seefuchs“-Drohne von vorne.
Die „Seefuchs“-Drohne von vorne (Quelle: 2017 Bundeswehr / Presse- und Informationszentrum Marine)Größere Abbildung anzeigen

Als die Unterwasserdrohne auf dem Minenjagdboot „Sulzbach-Rosenberg“ an Deck gehievt ist, macht sich Ernüchterung breit. Die Soldaten in der Operationszentrale sind auf der Suche nach drei Wasserbomben in einem Sperrgebiet in der Kieler Bucht. Unterwassersicht: Nahe null. Schwebeteilchen in der trüben Ostsee machen es für die Kamera der Seefuchs-Drohne so gut wie unmöglich Objekte auf dem Meeresboden zu identifizieren. Minentaucher Sebastian bereitet sich jetzt auf dem Achterdeck des Minenjagdbootes auf seinen Einsatz vor. Kurz vorher hat er von der Operationszentrale aus verfolgt, wie die Drohne einen Sonarkontakt nach dem anderen überprüfen sollte.

In dem rot beleuchteten Raum flimmern Navigationsdaten, der Sonar-Operator sucht seinen Monitor nach möglichen Minen ab. Befehle und Meldungen gehen konzentriert hin und her. Kontakt in Peilung 302, Abstand 240 Meter. Kontakt klassifizieren. – Kontakt wurde klassifiziert als minenähnlicher Kontakt. Wassertiefe 25 Meter, Länge 1,4 Meter, Breite 0,3 Meter. Auf Deutsch: Wenn der Einsatzleiter einen Kontakt näher untersuchen lassen will, wird die Frequenz des Sonars umgeschaltet, damit die Soldaten mehr Details sehen können. Ungeübte erkennen hier gar nichts. Die Profis aus dem 3. Minensuchgeschwader schon.

Mine oder Nicht-Mine?

In einem rot beleuchteten Raum sitzt ein Soldat vor einem Steuerpult mit zwei Bildschirmen.
Steuerkonsole der Minenjagddrohne „Seefuchs“ (Quelle: 2017 Bundeswehr / Presse- und Informationszentrum Marine)Größere Abbildung anzeigen

Was auf den ersten Blick eine Ansammlung von Echos ist, wird beim zweiten Blick näher vermessen. Ist der Kontakt metallisch, hebt er sich vom Meeresboden ab, wie groß ist er? „Das Minenjagdboot sucht den Meeresgrund und das Wasser mit einer Sonaranlage ab“, sagt Fregattenkapitän Martin Schwarz, der Kommandeur des Kieler Geschwaders. „Das Ultraschallgerät beim Arzt funktioniert im Prinzip genauso. Zunächst entsteht ein elektronisches Bild – nicht mehr und nicht weniger.“ Wenn der Einsatzleiter zu dem Schluss kommt, dass es sich dabei um eine Mine oder eine Wasserbombe handeln kann, dann kommen die Drohne oder der Minentaucher zum Einsatz.

Die „Sulzbach-Rosenberg“ schickt heute erst einmal die Drohne los. Mit einem Lichtwellenkabel wird der Seefuchs bis zu dem Objekt geführt. Die Drohne verfügt über ein Nahbereichssonar, eine Kamera und einen Scheinwerfer. „Wir brauchen immer einen optischen Eindruck, um festzustellen, ob wir es hier mit einer Wasserbombe oder einem Ölfass zu tun haben“, meint Schwarz. „Also ein Bild.“ Aber das gibt es heute nicht, so trübe ist das Wasser. „Wenn wir noch nicht einmal eine Unterarmlänge Sicht haben, dann kommt auch die Drohne an ihre Grenzen.

Der Minentaucher muss ran

Auf der Flecktarn-Uniform eines Soldaten ist ein Abzeichen mit einem Sägefisch angebracht.
Das Abzeichen der Minentaucher (Quelle: 2017 Bundeswehr / Presse- und Informationszentrum Marine)Größere Abbildung anzeigen

Also muss Sebastian ran. 2011 kam er zur Marine, ein knappes Jahr später hatte er die Minentaucherausbildung bestanden. 967 steht auf seinem Coin – einer Münze mit der Minentauchernummer, die jeder Minentaucher bei sich trägt. Er gehört zur Minentaucherkompanie aus Eckernförde. Von dort aus werden Taucherteams in Seetrupps zusammengestellt. Genauso können sie aber auch Sprengfallen in Afghanistan beseitigen.

Heute liegt Sebastians Arbeitsplatz in 23 Metern Wassertiefe. Der 1,90-Meter-Mann steht in seinem schweren Neoprenanzug auf dem Achterdeck, hievt das amagnetische Kreislauf-Tauchgerät „Stealth EOD M“ (Explosive Ordnance Disposal Marine) auf den Rücken. Damit tauchen die Spezialisten ohne Bläschen auszustoßen, die eine Mine auslösen könnten. Sebastian erklärt: „Sensoren überwachen meine Atemgase, messen den Sauerstoffgehalt der ausgeatmeten Luft. Das System stimmt die Atemluft ständig auf den Taucher und die Tauchtiefe ab.“

Minentaucher gehen nicht ins Büro

Die „Seefuchs“-Drohne wird zu Wasser gelassen.
Die „Seefuchs“-Drohne wird zu Wasser gelassen (Quelle: 2017 Bundeswehr / Presse- und Informationszentrum Marine)Größere Abbildung anzeigen

60 Kilogramm Ausrüstung und Gewichte trägt der 27-Jährige am Körper. Von einem Speedboot aus geht er ins Wasser. Sein Auftrag – einen Kreisschlag schwimmen. Ein Gewicht sinkt in die Tiefe. Daran ist eine Leine befestigt. Sebastian taucht ab, schwimmt die Leine am Meeresboden aus. Dann zieht er auf dem Grund einen Kreis wie mit einem Zirkel. Wenn die Leine an einem Objekt hängenbleibt, taucht er an der Leine zurück und identifiziert das Objekt. Wenn andere morgens sagen ‚Schatz, ich gehe jetzt ins Büro‘, muss Sebastian alleine unter Wasser beurteilen: Mine oder Nicht-Mine, Gefahr oder Nicht-Gefahr.

Und wo die Drohne nur trübes Geflimmer liefern konnte, kommt der Obermaat nach 15 Minuten zurück an die Wasseroberfläche und zeigt seinem Einsatzleiter klar. Steigt zurück ins Boot, nimmt die Maske von den Augen. Unter Wasser hat er drei Wasserbomben markiert. Jetzt wird der „Plastiksprengstoff“ Nitropenta an den Wasserbomben angebracht. PETN sagen die Taucher dazu – was dem Kürzel der chemischen Verbindung entspricht. Auf der Brücke des Minenjagdbootes beginnt der Erste Wachoffizier damit, die Schifffahrt im Umkreis vor der Sprengung zu warnen.

„Waffensystem Minentaucher“

Eine halbe Stunde später hallt eine dumpfe Detonation durch das Sperrgebiet nördlich der Eckernförder Bucht. Die Wasserbomben sind nicht mehr – vernichtet durch den PETN-Sprengstoff, den Sebastian an der Munition angebracht hatte. Kommandeur Schwarz: „Das zeigt wieder einmal: Bei der Minenjagd macht’s der Mix. Es gibt Situationen, da komme ich mit den Drohnen gut zurande und muss keinen Taucher einsetzen. In anderen Situationen ist das ‚Waffensystem Minentaucher‘ das einzige, was einem Kommandanten bleibt, um einen Eindruck davon zu bekommen, was da am Boden liegt. Selbst bei Sicht nahe Null kann ein Minentaucher tasten und berichten. Seine Hände sind seine Augen.“ Die Profis erkennen Objekte auch dann, wenn sie sie nicht sehen. Das kann keine Drohne. Und sie kann auch nicht beschreiben, wie das unter Wasser war. Sebastian schon: „Ich bin Profi darin Sachen kaputt zu machen. Was gibt es denn Besseres?“

Infoboxen

Minentaucher

Minentaucher suchen, identifizieren, bergen oder vernichten Seeminen und Kampfmittel. Sie bedienen Unterwasserdrohnen und schützen eigene Schiffe und Hafenanlagen im In- und Ausland vor Kampfmitteln. Die Soldaten zeichnen sich durch besondere Einsatzbereitschaft und überdurchschnittliche Team- und Leistungsfähigkeit aus. Sie sind austrainiert und hervorragend ausgerüstet.

Die Minentaucherkompanie gehört zum Eckernförder Seebataillon. In dem Verband sind neben den Minentauchern auch Küsteneinsatzsoldaten, Boardingsoldaten und Aufklärungskräfte der Marine zusammengefasst. Das Seebataillon ist regelmäßig an allen Einsätzen der Deutschen Marine beteiligt. Aber auch in Einsatzgebieten wie Afghanistan oder Kosovo sind die Eckernförder Spezialisten zu finden. Der Verband hält außerdem ständig Kräfte zur Beteiligung an militärischen Evakuierungsoperationen vor.

3. Minensuchgeschwader
Im 3. Minensuchgeschwader ist die Expertise für die deutsche Seeminenabwehr gebündelt. Das Geschwader macht den Weg überall dort frei, wo Minen, Bomben und Munition im Wasser den Seeverkehr, Schifffahrtsstraßen oder Häfen gefährden. Der Kieler Verband besteht aus 12 Minenabwehreinheiten und einem Einsatzausbildungszentrum. Die Boote sind aus amagnetischem Stahl gefertigt und setzen die Minenjagddrohne „Pinguin“, die Minenjagddrohne „Seefuchs“ und ferngelenkte Räumgeräte „Seehund“ ein. Alle Minenabwehreinheiten besitzen außerdem die Fähigkeit zum Minenlegen.

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Stand vom: 12.12.17 | Autor: 


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