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Interview: „Ein ungemein wichtiges Ziel ist die Rückbesinnung auf die Landes- und Bündnisverteidigung“

Rostock, 06.09.2017.

Mit der Einrichtung des German Maritime Forces Staff (DEU MARFOR) ist ein großer Schritt für das zukünftige BALTIC Maritime Component Command (BMCC) gemacht worden. Der Leiter des Aufstellungsstabs im Interview.

Zwei Männer sitzen an einem Tischen und unterhalten sich.
Kapitän zur See Volker Herbert Blasche im Interview (Quelle: 2017 Bundeswehr / Steve Back)Größere Abbildung anzeigen

Herr Kapitän zur See Volker Herbert Blasche, Sie haben die Dienstgeschäfte in einer Zeit des Wandels und Umbruchs übernommen. Wir würden gerne an Ihren Eindrücken und Erfahrungen teilhaben. Welche Aufgaben haben Sie als Leiter Aufstellungsstab in diesem Prozess?

Als Leiter des Aufstellungsstabes ist es zunächst einmal meine Aufgabe, die konzeptionellen Rahmenbedingungen für den Aufbau eines taktischen Planungs- und Führungsstabes zu schaffen. Dieser Stab soll in der Lage sein, die Marine im Nordflankenraum und der Ostsee wie auch in anderen Einsätzen der NATO und EU führen zu können. Unser Schwerpunkt liegt dabei in der Fokussierung auf Landes- und Bündnisverteidigung.

Der zweite Aspekt meiner Aufgaben ist der Aufwuchs des Aufstellungsstabes zu einem Hauptquartier (HQ), das in seiner Grundorganisation etwa 105 Personen umfassen soll. Davon werden bis zu 25 Dienstposten multinational besetzt. Das restliche Personal ist national. Dieses HQ wird verschiedene Aufgaben wahrnehmen, die vom Planen und Führen von Übungen über Einsätze zur Krisenreaktion bis in den Bereich des Seekrieges. Je nach Bedarf kann dieses HQ zum BMCC mit einem Personalumfang von bis zu 170 Personen aufwachsen, um deutlich komplexere Aufgaben in der Bündnisverteidigung wahrnehmen zu können.

Die zweite Seite dieser Medaille ist der Aufbau eines Organisationselementes „Taktikentwicklung“, welches dringend notwendig für einen Stab mit diesem Aufgabenbereich ist. Die Taktikentwicklung ist im Grunde genommen die Essenz dessen, was dann in der Planung und Führung herausgezogen werden kann. Dieses Organisationselement soll im Taktikzentrum der Marine in Bremerhaven entstehen. Wenn also das BMCC im übertragenen Sinne die Abfolge der Züge eines Schachspiels plant und durchführt, dann nimmt die Taktikentwicklung Erfahrungen zurückliegender Partien auf und setzt diese in Empfehlungen für zukünftige Vorgehensweisen um, damit es gelingt, einen Gegner mit den verfügbaren Mitteln schachmatt zu setzen.

Was sind nach Ihrer Meinung die größten Herausforderungen und welche übergeordneten Ziele möchte man mit dem neuen BMCC verfolgen?

Ein wesentliches Ziel ist es, der NATO ein taktisches Hauptquartier zur Verfügung zu stellen. Dafür hat die NATO Kriterien entwickelt, die sie an solch ein Führungselement stellt, bevor sie das HQ zertifiziert und akzeptiert. So muss es in der Lage sein, einen größeren maritimen Verband durchhaltefähig führen zu können, also auch über einen längeren Zeitraum hinaus. Der Stab an sich muss gewisse Anforderungen erfüllen, was den personellen Umfang und was die Struktur des Stabes angeht. Er muss nachweisen, dass er in der Lage ist, als ein solcher Stab zu arbeiten. Personal muss dementsprechend vorhanden und ausgebildet sein. Das sind Herausforderungen, denen wir uns zukünftig stellen müssen. Im Übrigen soll das HQ zwar schwerpunktmäßig der NATO zur Verfügung stehen, aber es könnte auch im Rahmen von EU-Missionen genutzt werden.

Ein weiteres, ungemein wichtiges Ziel ist es, eine Rückbesinnung auf die Landes- und Bündnisverteidigung sicherzustellen. Das ist gleichzeitig auch die große Herausforderung. Die Marine ist derzeit in vielen Einsätzen gefragt und dort stark konzentriert. Wir müssen aber den Spagat schaffen, neben den Regeleinsätzen im Rahmen des internationalen Krisenmanagements, die Landes- und Bündnisverteidigung als zusätzliche Priorität aufzubauen. Sie bildet den Kern unseres verfassungsgemäßen Auftrages.

Weiterhin ist die zukünftige Personalstruktur ein wichtiger Aspekt. Aktuell beschäftigen wir uns mit der Frage, wie dieses Hauptquartier überhaupt personell aussehen soll. Im nächsten Schritt muss geprüft werden, was diese Soldaten in den jeweiligen Funktionen leisten sollen. Das bedeutet auch, dass wir klar definieren müssen, welchen Ausbildungsstand und welchen Erfahrungshintergrund zukünftige Angehörige des Stabes mitbringen müssen.

Welche Auswirkungen hat die Aufstellung des BMCC für das Marinekommando und für die Hansestadt Rostock?

Zunächst einmal werden wir hier im Marinekommando einen sehr effektiv arbeitenden taktischen Planungs- und Führungsstab etablieren. Das heißt, die Führung von nationalen oder auch multinationalen Einsätzen wird aus Rostock heraus geleistet werden können. Dieser Stab ist zwar verlegbar, aber der Abstützpunkt wird Rostock sein. Dazu wird hier derzeit ein Infrastrukturprojekt bearbeitet. Das heißt, es wird ein neues Gebäude errichtet, in dem sowohl das BMCC untergebracht werden soll, als auch das Maritime Operational Center (MOC), das derzeit noch in Glücksburg im ehemaligen Flottenkommando sitzt. Die Fertigstellung ist nach jetzigem Planungsstand für 2023 angedacht. Anschließend soll der Umzug in dieses Gebäude stattfinden.

Es ist also so, dass die Führung der Flotte zukünftig zentralisiert aus Rostock heraus erfolgt. Trotz eines multinationalen Anteils wird der DEU MARFOR Stab als Nukleus für ein aufwuchsfähiges BMCC, aber auch eine nationale Dienststelle der Deutschen Marine sein. Dennoch, wir profitieren natürlich insbesondere von der erprobten engen und vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen der Stadt Rostock und der Marine und betonen mit der Schaffung des DEU MARFOR-Stabes den international hervorragenden Ruf der Hansestadt. Für zukünftige Stabsmitglieder aus anderen Nationen bedeutet es zudem, dass sie an einem hoch attraktiven Standort ihren Dienst leisten werden. Darüber hinaus glaube ich, dass wir mit diesem Vorhaben als Marine zu einer immer engeren Kooperation der Ostseeanrainer beitragen können.

Welche Erwartungen und Hoffnungen setzen Sie in das BMCC?

Also Hoffnung ist immer ein schlechter Ratgeber, das würde nämlich bedeuten, dass wir nicht wissen, ob wir genau geplant haben. Aber Erwartungen habe ich durchaus. Ich erwarte mir von einem zukünftigen DEU MARFOR-Stab, dass er konzentriert die Planung und Führung von maritimen Einsätzen bis hin zu einem internationalen bewaffneten Konflikt abbilden kann. Und ich erwarte, dass wir damit die uns zur Verfügung stehenden knappen Ressourcen (personell, materiell, Ausbildungszeiten) in der Flotte noch besser als heute für Übungen und Einsätze zur Verfügung stellen können.

Aber es hat auch etwas damit zu tun, dass wir uns nach dem Ende des Kalten Krieges immer weiter in Einsätze zur Krisenprävention vertieft haben. Das heißt, bspw. in der Pirateriebekämpfung oder der Flüchtlingshilfe. Das sind alles Aufgaben, die die Marine wahrnehmen muss und dafür haben wir hier auch die nötige Expertise. Aber die Kernexpertise, die eine Flotte, eine Marine bringen muss, ist die Befähigung zum Gefecht. Das muss wieder in den Vordergrund gerückt werden. Wir haben diese Fähigkeit zwar nie ganz verloren, aber wir müssen sie dahingehend ausbauen, dass die Flotte sie auch effektiv einsetzen kann. Wenn wir zukünftig in Übungen und Einsätze gehen, dann stets mit einer klaren Vorstellung dessen, was wir erreichen wollen.


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Stand vom: 20.11.17 | Autor: 


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