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Northern Coasts 2017:
Käse und Sauerkraut verschmelzen

Kiel, 22.09.2017.
Keine Angst: Hier geht es nicht um irgendeine verbotene Gaumenfreude aus der Kombüse eines Kriegsschiffs. Aber genauso ungewöhnlich ist das, was sich am heutigen Freitag im Marinestützpunkt Kiel ereignet hat, trotzdem.

Im Vordergrund stehen vier Soldaten mit verschränkten Armen. Im Hintergrund mehrere Militärfahrzeuge und ein Marineschiff.

(v.l.n.r) Commander Arjen van Gelder, Flottillenadmiral Jan Christian Kaack, Commodore Jan Hubert Hulsker, Fregattenkapitän Axel Meißel (Quelle: 2017 Bundeswehr / Steve Back)Größere Abbildung anzeigen

Auf sicherheitspolitischer Ebene wird ständig von internationaler Kooperation gesprochen. Das sei sehr wichtig, betonen viele Entscheidungsträger beinahe gebetsmühlenartig. Manch ein Soldat soll den Begriff daher schon nicht mehr hören können. Zurecht? Nein!

In einer Welt, die immer komplexer wird, lassen sich Krisen und Konflikte nicht mehr mit einfachen Formeln und schon gar nicht alleine lösen. Oft werden Fähigkeiten benötigt, die nicht querschnittlich vorhanden sind und nur ausgewählte Organisationen besitzen. Das betrifft sowohl den zivilen als auch den militärischen Bereich.

Man denke diesbezüglich etwa an die Evakuierung von Touristen aus einem maritimen Urlaubsressort nach einer Naturkatastrophe oder nach gewaltsamen Ausschreitungen im jeweiligen Land: Der Weg zum Flughafen ist versperrt oder zumindest nicht passierbar. Einen richtigen Hafen gibt es nicht, dafür eine lange Küste. Die Menschen wissen nicht, wie sie aus ihrem Hotel wegkommen und wie es weitergeht. Sie haben Angst und wollen nach Hause. Unter ihnen befinden sich aber nicht nur Deutsche, sondern auch Niederländer, Engländer, Schweden und so weiter. Eine typische Zusammensetzung von Touristen eben. Doch wer kümmert sich nun darum, die Menschen nach Hause zu holen?

Fähigkeiten aufeinander abstimmen

Das beschriebene Szenario ist ein klassischer Anwendungsfall für den Einsatz von Marineinfanteristen: Von einem großen Schiff aus planen sie eine Evakuierungsoperation, verlegen mit Hubschraubern und Landungsbooten an Land, erkunden das Gelände nach möglichen Hindernissen (z.B. Minen) und sichern die geordnete Rückführung der Touristen.

Es dürfte allerdings sofort klar werden, dass eine solche Aktion ziemlich aufwendig ist. Kaum eine europäische Nation kann dies allein bewerkstelligen. Denn wer verfügt schon über die gesamten genannten Fähigkeiten und kann sie kurzfristig bereitstellen? Des Weiteren steht die Frage im Raum, wer sich darum kümmert, wenn Menschen aus verschiedenen Ländern betroffen sind.

Genau an dieser Stelle ist es wichtig, dass Streitkräfte international zusammenarbeiten! Jede Nation hat – meist historisch gewachsen – bestimmte Fähigkeiten stärker ausgeprägt als andere. Die Herausforderung ist, miteinander so zu kooperieren, um auf die jeweilige Situation angemessen reagieren und die dafür nötigen Kräfte bereithalten zu können.

Deutsch-Niederländische Kooperation

Genau dieses Ziel verfolgt das am 4. Februar 2016 zwischen Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen und ihrer niederländischen Amtskollegin Jeannine Hennis-Plasschaert unterzeichnete „Letter of Intent“ (LOI). Die beiden Politikerinnen verständigten sich darauf, beim geschützten militärischen Seetransport stärker zusammenzuarbeiten. Damit ist gemeint, Konzepte zu entwickeln und vorhandene Fähigkeiten aufeinander abzustimmen, vom Meer aus Land zu operieren.

Was sich schneidig anhört, ist mit vielen Aufgaben verbunden. Dazu gehören zum Beispiel Hafen- und Objektschutz, Kampfmittelbeseitigung, Evakuierungs- und Rückführungsoperationen sowie das Boarding von Schiffen.

Für all diese Aufgaben kommt von deutscher Seite nur ein Verband in Frage: das in Eckernförde stationierte Seebataillon. Bis 2020 soll es gemäß (LOI) in die niederländische Marineinfanterie, dem Korps Mariniers, integriert werden. So verfügt die Könglich-Niederländische Marine über gleich drei amphibische Schiffe, von denen vor allem das Versorgungs- und Unterstützungsschiff HNLMS „Karel Doorman“ eine ideale Plattform für Einsätze des Seebataillons darstellt. Umgekehrt besitzt der Verband aus Eckernförde spezielle Fähigkeiten, die die niederländische Marineinfanterie unterstützen sollen.

Gemeinsames Training in Putlos

Zwei männliche Andmirale vor einem grauen Schiff.

Flottillenadmiral Jan Christian Kaack und Flottillenadmiral Jan Hubert Hulsker beim Abschluss von Northern Coasts 2017 (Quelle: 2017 Bundeswehr / Steve Back)Größere Abbildung anzeigen

Bis hierhin ist es aber noch ein weiter Weg. Ein wichtiges Zwischenziel wurde im Rahmen des Manövers „Northern Coasts“ aber nun erreicht, die „Initial Operational Capability“. Im Militärjargon spricht man von einer sogenannten Anfangsbefähigung. Auf gut Deutsch und für jedermann verständlich heißt das, dass Seebataillon und Korps Mariniers in bestimmten Bereichen problemlos miteinander zusammenarbeiten können.

Den finalen Beweis dafür gab es vergangene Woche auf dem Truppenübungsplatz Putlos. Mehrere Tage trainierten dort zwei Züge der Küsteneinsatzkompanie des Seebataillons sowie ein Halbzug der 22nd Raiding Squadron der 2nd Marine Combat Group.

Der ursprüngliche Plan sah vor, die Marineinfanteristen nach dem Truppenübungsplatzaufenthalt an Bord des HNLMS „Karel Doorman“ einzuschiffen. Auf See und in Schweden sollten weitere gemeinsame Übungen folgen. Aufgrund der Sturmschäden des Hurrikan „Irma“ wurde die HNLMS „Karel Doorman“ jedoch kurzerhand vom Manöver Northern Coasts 2017 abgezogen, um Hilfsgüter in die Karibik zu bringen.

Mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede

Der Kooperation zwischen Seesoldaten und Korps Mariniers tat dieses unvorhersehbare Ereignis jedoch keinen Abbruch: Kurzerhand wurde ein neues Programm entworfen und der Aufenthalt in Putlos verlängert.

Der Kommandeur der Einsatzflottille 1, Flottillenadmiral Jan C. Kaack, zeigt sich zuversichtlich, was die Umsetzung des LOI angeht: „Die Küsteneinsatzkompanie und die niederländischen Marines haben in Putlos gezeigt, dass es zwischen ihnen weit mehr Gemeinsamkeiten gibt als Unterschiede. Es ist ein wenig wie Sauerkraut und Käse: Beides scheint zunächst überhaupt nicht zueinander zu passen. Worauf es ankommt, ist die Zubereitung. Im Falle der Marineinfanteristen heißt das vor allem, sprachliche Barrieren überwinden und ein gemeinsames taktisches Verständnis entwickeln. Das ist trotz des Ausfalls der ‚Karel Doorman‘ gelungen.“

Am Freitag wurde in Kiel daher die erwähnte IOC erklärt, also dass Seebataillon und Korps Mariniers in bestimmten Bereich operativ zusammenarbeiten und auch in den Einsatz geschickt werden können. Von deutscher Seite her nahm Flottillenadmiral Kaack an dem Zeremoniell teil. Die Niederlande wurden durch Flottillenadmiral Jan H. Hulsker vertreten, Kommandeur der „Netherlands Maritime Force“. Anwesend waren außerdem der Kommandeur des Seebataillons, Fregattenkapitän Axel Meißel, sowie ein Vertreter des Korps Mariniers.


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Stand vom: 19.10.17 | Autor: 


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