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Northern Coasts 2017:
Harbour Protection: Star Trek in der Kieler Förde

Kiel, 09.10.2017.
Wer denkt, Science Fiction gäbe es nur im Fernsehen, sollte weniger vor dem Fernseher hocken. Die Zukunft ist viel näher, als man glaubt. So die entwickelt Deutsche Marine moderne Systeme zum Schutz von Schiffen und Booten in fremden Häfen.

Ein gepanzertes Fahrzeug steht an der Pier. Die Sonne scheint und im Hintergrund befindet sich Wasser und graue Container.

Die Zentrale des künftigen „Harbour Protection Modul“ im Stützpunkt Kiel (Quelle: 2017 Bundeswehr / Helge Adrians)Größere Abbildung anzeigen

Computerlogbuch der Marine, christliche Zeitrechnung: 21.09.2017. Seit drei Tagen haben Teile der Aufklärungskompanie des Seebataillons im Marinestützpunkt Kiel Quartier bezogen. Das Wetter ist gewohnt schlecht, aber die Lage soweit ruhig. Akribisch werden jegliche Bewegungen und Besonderheiten in und um die Hafenanlage registriert. Logbuch Ende.

Wer in der dritten Septemberwoche durch den Marinestützpunkt Kiel lief, dürfte nicht bemerkt haben, dass hier eine neue Zeitrechnung angebrochen ist. Eine Art Raumschiff ist gelandet: kantig, grau, mit Radar und Antennen auf dem Dach. Schmucklos sieht es aus; jedes Minenjagdboot wirkt dagegen aufregender.

Doch ums gute Aussehen oder gar ums Auffallen scheint es den Kameraden, die dieses Raumschiff betreiben, nicht zu gehen. Gesehen ohne gesehen zu werden, könnte das Motto dieser Truppe lauten. Bei ihrem Raumschiff handelt es sich zwar nicht um die „Enterprise“, dennoch hat die Konstruktion einen ähnlich spachigen Namen: LEXXWAR.

Die Aufklärungsspezialisten der Marine

Die Abkürzung steht für „Long-term Experimental Setup for Asymmetric Warfare“. Sinngemäß übersetzt: experimentelle Anlage zur Abwehr von asymmetrischen Bedrohungen. In mehreren Containern untergebracht soll das System bald zum festen Inventar der Aufklärungskompanie des Seebataillons gehören. Die Aufklärungskompanie ist eine vergleichsweise junge Einheit. Seit 2014 sind in ihr die verschiedenen landseitigen Aufklärungsfähigkeiten der Marine gebündelt. Dazu gehören etwa die Scharfschützen und die sogenannten Feldnachrichtenkräfte. Auftrag der letzteren ist es, mittels Gesprächsführung ein Lagebild im eventuellen Einsatzgebiet zu erstellen. Ein weiteres Element der Kompanie ist der Technische Aufklärungszug, kurz: TAZ. So etwas hat es vorher in der Marine noch nicht gegeben: eine Truppe von Spezialisten, die sich aus Marineinfanteristen, Elektronikern Radar- und Sonaroperateuren zusammensetzt. Ausgestattet sind sie unter anderem mit verschiedenen Drohnen und diversen Überwachungssensoren. LEXXWAR soll ihre Kommandozentrale werden.

Ein Mann sitzt an einem Schreibtisch und vor ihm sind mehrere Computerbildschirme.

Fast wie auf der Brücke der „Enterprise“: Arbeiten vor Bildschirmen, nicht mehr nur an Bord, bald auch an Land (Quelle: 2017 Bundeswehr / Helge Adrians)Größere Abbildung anzeigen

Um unsere Aufklärungstechnik beneiden uns viele internationalen Partner“, sagt Kapitänleutnant Jan B. stolz. Der 31-jährige ist Chef der Aufklärungskompanie und dieser Tage so etwas wie der „Captain Kirk“ des LEXXWAR. Das Innere der Anlage gleicht der Brücke eines Raumschiffs: ein großer, fensterloser Raum. Monitore stehen an Arbeitsplätzen oder hängen an den Wänden. Davor sitzen Soldaten des TAZ und verfolgen die Anzeigen aufmerksam. Überall blinkt und leuchtet es. „Zum Glück piept es hier nicht die ganze Zeit“, lacht B.

Captain Kirk und Mr. Spock im Container

Von seiner Position aus kann er den ganzen Raum überblicken. Zu seiner Linken sitzt sein Kompanieeinsatzoffizier, Oberleutnant zur See Tom K. Wenn Kapitänleutnant B. Captain Kirk ist, könnte man Oberleutnant K. glatt als Mr. Spock bezeichnen. Zusammen leiten die beiden Offiziere eine Übung im Marinestützpunkt, bei der es vor allem um eine Demonstration der Fähigkeiten des LEXXWAR geht. „Die Kernfrage, um die sich die gesamte Übung dreht, lautet: Wie detektieren wir potenzielle Bedrohungen?“, erklärt Jan B. „Dabei geht es vor allem darum, asymmetrische Gefahren abzuwehren, zum Beispiel Milizionäre oder Terroristen, die einen Hafen mittels Speedbooten, Tauchern oder Drohnen angreifen.“

In Zusammenarbeit mit der Wehrtechnischen Dienststelle 71 aus Eckernförde und dem Fraunhofer-Institut für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen aus Euskirchen entwickelt die Marine derzeit ein System zur Absicherung von Hafenanlagen. Anlass dafür gaben die Erfahrungen in den Auslandseinsätzen am Horn von Afrika und vor der Küste des Libanon. Auch die NATO hat auf solche Einsatzerfahrungen reagiert und Anfang des Jahres ein Konzept zum Hafenschutz herausgebracht.

Die Zukunftsmusik ist schon deutlich zu hören

LEXXWAR ist nun das erste Element des neuen „Harbour Protection Moduls“ (HPM), das erprobt werden kann. „Der Betrieb des Containers ist während der Großübung Northern Coasts 2017 eine willkommene Möglichkeit, neue Einsatzverfahren zu testen“, erläutert Tom K. Neben seiner Funktion als Kompanieeinsatzoffizier ist er außerdem Zugführer des TAZ. Für ihn ist es deshalb besonders wichtig, „dass wir ein Verständnis entwickeln, wie wir Informationen so bearbeiten, um mobile Kräfte bestmöglich einzusetzen und zu unterstützen.“ Während es im Inneren des LEXXWAR oft sehr theoretisch zugeht, haben sich draußen Marineinfanteristen positioniert. Mit reichlich Stahldraht und zwei gepanzerten Fahrzeugen sichern sie einen Teil des Marinestützpunkts Kiel ab. Bedrohlich schwarze Wolkenfronten sind mittlerweile aufgezogen. Regen peitscht über die Kaimauern.

Fünf bewaffnete Soldaten stehen an der Pier. Vor Ihnen steht ein gepanzertes Fahrzeug und im Hintergrund ist Wasser und ein Schiff zu sehen.

Trotz modernster Überwachungselektronik geht nichts ohne „boots on the ground“: Die neue Zentrale kann die mobilen Teams gezielt an die Brennpunkte im Hafen lenken (Quelle: 2017 Bundeswehr / Helge Adrians)Größere Abbildung anzeigen

Ausgerechnet heute hat sich eine Delegation aus dem Stab der Einsatzflottille 1 und der angeschlossenen NATO-Denkfabrik COE CSW angekündigt. Die deutschen Stabsoffiziere und ihre ausländischen Kameraden wollen sich informieren, was das HPM einmal können soll. Jan B. und Tom K. haben sich dazu ein Übungsszenario ausgedacht: attackierende Speedboote, versteckte Taucher, ausspähende Drohnen und Milizen, die versuchen, einen Checkpoint zu überfallen. Das volle Programm. Fehlen nur noch die Klingonen.

„Objektschutz ist nunmal aufwendig“

Vom LEXXWAR aus lassen sich mittels Radar und Kameras alle Schauplätze überwachen. Über Funk melden die Marineinfanteristen des TAZ alle weiteren Vorkommnisse. Die Gäste zeigen sich beeindruckt von den Fähigkeiten der Aufklärungskompanie und des TAZ. Jan B. und Tom K. sind zufrieden.

Wenn das HPM eines Tages komplett ist, können wir noch viel mehr“, unterstreicht Kapitänleutnant B. Zur Ausstattung sollen unter anderem abgesetzte automatische Waffenanlagen gehören. „Damit könnte man dann Hafeneinfahrten oder andere gefährdete Bereiche schützen, ohne dass sich Soldaten etwaigen Gefahren aussetzen müssten.“

Ein weiterer Vorteil wäre natürlich, Personal zu sparen. „Objektschutz ist nunmal aufwendig“, gibt B. zu. „Etwas 24 Stunden lang zu bewachen, zehrt an den Kräften. Gute Aufklärungstechnik kann da wirklich helfen.“ Oberleutnant K. ergänzt: „Deshalb ist es so wichtig, dass die Marine so etwas wie ein HPM entwickelt.“


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Stand vom: 20.11.17 | Autor: 


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