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Abschied fühlt sich anders an

In See, 11.07.2016.
Noch ein letztes Mal gaben die Schnellboote der Deutschen Marine in einem internationalen Manöver alles und zeigten ihr Können. BALTOPS 2016 war damit nicht nur das größte Marinemanöver in der Ostsee, sondern auch die Abschiedsvorstellung der „Ostseerocker“ auf internationaler Bühne.

Die Schnellboote S75 „Zobel“, S76 „Frettchen“ und S80 „Hyäne“ einlaufend in Tallinn, das an diesem Tag unter einer malerischen Nebelkulisse liegt und die Boote kurzzeitig beinahe verschwinden lässt.

Die Schnellboote S75 „Zobel“, S76 „Frettchen“ und S80 „Hyäne“ einlaufend in Tallinn, das an diesem Tag unter einer malerischen Nebelkulisse liegt und die Boote kurzzeitig beinahe v … (Quelle: 2016 Bundeswehr / Frank Liers)Größere Abbildung anzeigen

1. Juni - 22 Uhr: die Stille der Nacht im Marinestützpunkt Warnemünde wird von zwölf Antriebsdieselmotoren und 54.000 PS durchbrochen. Die Flugkörperschnellboote S75 „Zobel“, S76 „Frettchen“ und S80 „Hyäne“ machen sich klar zum Auslaufen. Wenige Tage später schlossen sich S73 „Hermelin“ sowie der Tender „Elbe“, bei Gotland, den zuvor ausgelaufenen Booten des 7. Schnellbootgeschwaders an.

Ein letztes Mal galt es für die verbliebenen vier Flugkörperschnellboote der Klasse 143A ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten bei dem Großmanöver BALTOPS 2016 unter Beweis zu stellen.

Nach etwa 32 Stunden Transit erreichten „Zobel“, „Frettchen“ und „Hyäne“ unbeschadet und wohlauf den Hafen der estnischen Hauptstadt Tallinn. Parallel zu den letzten Vorbereitungen, nutzten die Besatzungen den einzigen planmäßigen Auslandshafen zur Erholung und zum Kräfte sammeln für die voraus liegenden zwei Wochen auf See.

Zwei Wochen am Limit

Am Sonntag, den 5. Juni, verließen „Zobel“, „Frettchen“ und „Hyäne“ gestärkt und hoch motiviert den Hafen von Tallinn, um mit dem Verband in See zu stechen und gen Westen, in die vorgegebenen Übungsgebiete vor Gotland, zu fahren. Dabei wurden die über 30 Jahre alten Holzboote und ihre Besatzungen noch einmal einer harten Prüfung unterzogen. Bei Nordostwinden, von teilweise über 30 Knoten (56 Km/h), kämpften sich die Besatzungen über zehn Stunden lang durch über drei Meter hohe Wellen bis nach Gotland. Hier sie in der Nacht in einer geschützten Bucht ankerten, da der Tender „Elbe“ zusammen mit S73 „Hermelin“ erst in der nächsten Nacht zum Verband dazu stieß.

In der ersten Woche von BALTOPS 2016 erwartete die Schnellboote ein straff organisierter Plan. Dieser sah unter anderem seemännische Manöver, Artillerieschießen, Flugkörperabwehr, Bomberabwehr und taktische Seekriegsübungen vor. In der zweiten Woche begann dann die heiße Phase der Übung. Dabei wurde im Rahmen eines fiktiven Krisenszenarios der Verband in NATO und Aggressor unterteilt. Eine Übungsleitung inszenierte das Szenario unter realistischen Bedingungen inklusive Pressemitteilungen und medialer Berichterstattung Tag für Tag.

Diese Krise gipfelte in einer Seekriegsübung der beiden Lager in der Ostsee, wo der Einsatz von Waffengewalt trainiert wurde.

Auftrag: Killertomate ausschalten

Der Übungsplan begann für die Schnellboote aus Warnemünde direkt mit einem Highlight.

Für S80 „Hyäne“ und das litauische Patrouillenboot „Dzukas“ stand bereits in den frühen Morgenstunden ein vierstündiges Artillerieschießen auf dem Programm. Während die beiden Schnellboote S75 „Zobel“ und S76 „Frettchen“ in ein Übungsgebiet im Norden Gotlands verlegten, um dort ein ADEX (Air Defence Exercise) durchzuführen, begannen die „Hyäne“ und „Dzukas“ mit dem Transit ins Schießgebiet östlich von Gotland. Im Schießgebiet angekommen, schoss die „Hyäne“ auf eine sogenannte Killertomate. Dabei wird ein großer quadratischer roter Sack mit Luft befüllt und zu Wasser gelassen. Ein Treibanker am unteren Ende der Killertomate verhindert ein Abtreiben des Ziels und hält es stabil im Wasser.

Vor jedem Schießen wurde mit allen zur Verfügung stehenden Sensoren des Bootes sichergestellt, dass keine Gefährdung für andere Schiffe in der Umgebung bestand. Anschließend wurde das Ziel ins Visier genommen und beschossen. Bei jedem Anlauf dokumentierte die Operationszentrale, wie gut die Killertomate getroffen wurde. An diesem Tag erzielte die „Hyäne“ ein sehr gutes Trefferbild, sodass die Killertomate im Anschluss an das Schießen nur noch als ein in sich zusammengefallener Sack auf dem Wasser treibend geborgen werden konnte.

Nach Beendigung des Schießens blieb der Besatzung nur eine kurze Verschnaufpause. Mit Höchstfahrt setzten S80 „Hyäne“ und die „Dzukas“ Kurs gen Norden, um dort bereits bei der nächsten Übung zusammen mit S75 „Zobel“ und S76 „Frettchen“ gegen anfliegende Bomber und Flugkörper mit Fregatten und Zerstörern ihren Ausbildungsstand und ihre Fähigkeiten im Verbandsgefecht unter Beweis zu stellen.

Auftanken bei voller Fahrt

Ein Teil des Verbandes bei einer Formationsfahrübung vor Gotland. Mittendrin die Flugkörperschnellboote S73 „Hermelin“, S75 „Zobel“, S76 „Frettchen“ und S80 „Hyäne“.

Ein Teil des BALTOPS-Verbandes bei einer Formationsfahrübung in den Gewässern vor Gotland (Quelle: 2016 STRIKFORNATO)Größere Abbildung anzeigen

Während des zweiwöchigen Manövers war den Booten nur selten die Möglichkeit vergönnt, Ruhephasen wahrzunehmen. Deshalb sahen sie sich gezwungen, viele Nächte entweder einzeln zu ankern oder durchzufahren. Für eine kleine Besatzung von gerade mal 34 Soldaten, wie auf den Schnellbooten, bedeutet dies eine erhöhte und zusätzliche Belastung. Um dieser entgegenzuwirken, fuhren die Besatzungen zeitweise einen sogenannten Kriegsmarsch. Dabei wird eine Besatzung in zwei Hälften geteilt, sodass jeder wichtige Posten des Bootes besetzt ist. Während der sechsstündigen Fahrwache der einen Hälfte, erhält die andere die Chance, zu essen, sich zu waschen und zu schlafen.

Dieses straffe Programm erforderte natürlich auch einen ausgeklügelten Plan für die Versorgung mit Proviant, Ersatzteilen und vor allem Kraftstoff. Um ständig einsatzbereit bleiben zu können, führten die Einheiten ein sogenanntes RAS-Manöver (Replenishment at Sea) durch. Dieses komplexe und fordernde Manöver bedarf der höchsten Konzentration und Ausdauer der gesamten Besatzung. Der Tender war dabei in der Lage, gleichzeitig zwei Boote mit Kraftstoff zu versorgen. Dafür positionierten sich die beiden Boote etwa 80m hinter und leicht backbord beziehungsweise steuerbord vom Tender auf einem Abstandsschwimmer. Diesen musste der fahrende Wachoffizier (WO) stets querab, bei einem Seitenabstand von etwa fünf Meter, zur Brückennock halten.

Auf ein Signal hin begann der Tender die Kraftstoffpumpen in Betrieb zu nehmen. Während der WO mit Argusaugen den Abstand zum Tender und die Spannung des Tankschlauches im Wasser beobachtete, überwachten die Heizer an den Kraftstofftanks die aktuelle Füllmenge. Während des gesamten Manövers fuhr der Verband weiter einen vorgegebenen Kurs mit zehn Knoten und einem Abstand zwischen den Booten von weniger als 60 Metern. Nach etwa eineinhalb Stunden meldete der Schiffstechnikoffizier: „Kraftstofftanks voll, Befehl: Pumpen Stopp!“. Das Oberdeckspersonal machte sich klar zur Trennung der Kraftstoffverbindung, was immer ein heikler Moment ist. Der Schlauch könnte sich an Oberdeck des Schnellbootes verheddern, einen Soldaten treffen oder das Boot beschädigen. Doch für die „Ostseerocker“ war dies kein Problem. Der Schlauch wurde wieder von Bord gegeben und die Kraftstoffübernahme in See war damit beendet.

Die heiße Phase

Die Flugkörperschnellboote S75 „Zobel“ und S76 „Frettchen“ sowie das litauische Patrouillenboot „Dzukas“ kämpfen sich durch die schwere See bei Schräglagen von bis zu 35 Grad und Wellen von bis zu drei Metern auf ihrem Weg ins Übungsgebiet vor Gotland.

Die Flugkörperschnellboote S75 „Zobel“ und S76 „Frettchen“ sowie das litauische Patrouillenboot „Dzukas“ kämpfen sich durch die schwere See bei Schräglagen von bis zu 35 Grad und W … (Quelle: 2016 Bundeswehr / Frank Liers)Größere Abbildung anzeigen

Nachdem die vier Schnellboote zusammen mit dem litauischen Patrouillenboot „Dzukas“ und dem Tender „Elbe“ in der ersten Woche von BALTOPS 2016 ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt hatten, begann die zweite Woche mit einer Übung in der Rolle des Gegners. Unter der Leitung der britischen Fregatte „Iron Duke“ erhielten die Boote anfangs meist paarweise oder gemeinsam den Auftrag, NATO-Einheiten im Seegebiet zu lokalisieren und diese durch ihre bloße Anwesenheit zu stören. Dazu fuhren die Boote meist mit hoher Geschwindigkeit an die anderen Einheiten heran und gingen im Abstand von einer halben nautischen Meile (ca. 900 Meter) auf Parallelkurs. Ziel dieses tagelangen Störens sollte das Hervorrufen einer militärischen Reaktion bis hin zur Provokation des Einsatzes von Waffengewalt sein, um die Gesamtlage weiter eskalieren lassen zu können. Vor der polnischen Küste kam es dann zum Showdown.

Die „Ostseerocker“ verabschieden sich mit lautem Knall

In einer akribisch geplanten und vorbereiteten Operation erhielten die Schnellboote den Auftrag, den Gegner mit simulierter Waffengewalt von seiner militärischen Operation abzuhalten. Paarweise griffen S73 „Hermelin“, S75 „Zobel“, S76 „Frettchen“ und S80 „Hyäne“ den gegnerischen Verband von zwei Seiten aus an. Mit einem koordinierten Angriff mit den bordeigenen MM38 EXOCET Flugkörpern sowie mit der Bordkanone OTO MELARA 76mm wurde der Gegner überrascht. In einer dreistündigen Operation konnte beinahe der gesamte gegnerische Verband lokalisiert und außer Gefecht gesetzt werden.

In dieser erfolgreichen Übung zeigten die deutschen Boote der Klasse 143A sowie ihre Besatzungen ein aller letztes Mal auf internationaler Bühne ihre Leistungsfähigkeit. Am darauf folgenden Tag endete das multinationale Großmanöver BALTOPS 2016 mit einer groß angelegten Landungsoperation an der polnischen Küste. Für die Schnellboote war es das letzte Manöver vor ihrer Außerdienststellung im November. Doch bevor die Zeit des Abschieds ansteht, waren sie ein letztes Mal zu Gast auch der Kieler Woche.


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Stand vom: 11.07.16 | Autor: 


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