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„Wir sprechen die Sprache der Soldaten“ Im Gespräch mit …

Rostock, 01.02.2017.
…Regierungsdirektor Carsten Reil. Eingestiegen als Matrose, ist er nun leitender Truppenpsychologe des Marinekommandos in Rostock. Hier kümmert sich Herr Reil um eine Vielzahl von Soldaten. Was dies bedeutet, erzählt er uns in einem Interview.

Ratsdirektor Carsten Reil in seinem Büro.

Ratsdirektor Carsten Reil in seinem Büro (Quelle: 2017 Nele Klünder)Größere Abbildung anzeigen

Herr Reil, Sie sind Truppenpsychologe bei der Marine. Wie lange arbeiten Sie schon für die Bundeswehr?

Ich bin seit 1990 im psychologischen Dienst für die Bundeswehr tätig.

Welche waren Ihre ersten Berührungen mit der Marine und welche Voraussetzungen waren für Ihre Arbeit wichtig?

Zunächst mal sind meine Berührungspunkte zur Marine dadurch gegeben, dass ich selbst Marinesoldat war. Ich bin 1976 als 18-Jähriger in die Marine eingetreten und habe vier Jahre lang im Marinesanitätsdienst gedient. Nach meinem Studium ging ich dann wieder zur Bundeswehr. Der klassische Einstieg eines Psychologen in der Bundeswehr ist im Personalbereich. Man fing beim Kreiswehrsatzamt an, also Auswahl und Platzierung von Wehrpflichten, die es ja heute so nicht mehr gibt. Und irgendwann lockte wieder der Ruf zur Marine.

Marinesoldaten sehen oftmals aufgrund von Einsätzen ihre Familie für längere Zeiträume nicht. Sie begleiten diese Einsätze als Truppenpsychologe. Spielt das eine Rolle in der psychologischen Betreuung durch Sie?

Ja, es spielt auf jeden Fall eine Rolle. Die Zusammenführung von Familie und Beruf ist immer ein großes Thema, auch in der Marine. In der Marine haben wir ja klassischerweise mit hohen Abwesenheitszeiten zu tun. Sie sind auf See oder in Übungsvorhaben. Das ist natürlich immer wieder während der Begleitung auf der Seefahrt oder aber auch in den Einsatznachbereitungsseminaren und der Einsatzvorbereitung ein Thema. Und da bedarf es auch einer speziellen Betreuung, das wird durch die Truppenpsychologie, das psychosoziale Netzwerk sowie die Familienbetreuungsorganisation geleistet. Wir sind dort auch sehr vernetzt. Der Truppenpsychologe macht dann, wenn es Probleme in der Familie gibt oder wenn Sorgen, Nöte, Ängste auftreten, sogenannte Einzelfallberatungen. Darüber hinaus bereitet er auch Soldaten auf zu Hause vor. Das heißt, dass man auf See im Grunde „gebrieft“ wird, darüber: Jetzt kommt ihr wieder nach Hause und worauf müsst ihr euch einstellen, wie kann man am besten wieder zusammenkommen, wenn man solange voneinander abwesend war.

Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) tritt bei der Bundeswehr im Vergleich zu anderen Berufsfeldern relativ häufig auf. Was sind die Ursachen dafür?

Wir haben mit Posttraumatischen Belastungsstörungen zu tun, weil unsere Soldaten Belastungen und Beanspruchungen ausgesetzt sind, vor allen Dingen in den landgebundene Einsätzen, also überall dort, wo die Gefahr besteht, das eigene Leben zu verlieren durch Angriffe wie Schusswechsel. Da besteht immer die Gefahr, dass man durch das Erlebte seelischen Schaden nimmt. Das Erlebte außerhalb unseres normalen Horizontes sozusagen. Da kann man sich auch nicht drauf vorbereiten, da ist man auch nicht besonders anfällig für, das ist einfach ein Erlebnis, was so eindringlich Betroffenheit ausgelöst hat, dass einige Soldaten davon krank werden. Wir haben dafür Bundeswehrkrankenhäuser, Wehrpsychiater und Truppenpsychologen im Einsatz. Die Marine hat selbst mit der PTBS nicht so viel zu tun, weil unsere Einsätze an Bord anders geartet sind. Wir kommen relativ selten- zurzeit jedenfalls- in Einsätze, wo wir dieses unmittelbare Erleben von Tod und Leid haben. Was wir aber trotzdem haben, sind Einsatzgeschädigte, die nach dem Einsatz-Weiterverwendungsgesetz bei uns eingesetzt werden.

Wieso erkranken manche Soldaten daran und andere wiederum nicht?

Es gibt verschiedene Theorien, wie zum Beispiel, dass es schon Vorschädigungen gegeben hat. Aber als Psychotraumatologe kann ich sagen, dass das eine Theorie ist, die mir nicht gefällt, da es wirklich jeden treffen kann. Jeder der außerhalb seiner normalen Erfahrung etwas Schlimmes erlebt hat, kann davon betroffen sein. Das kann man allerdings behandeln, je früher desto besser.

Behandeln Sie hauptsächlich Patienten mit dieser Störung oder haben Sie auch mit anderen psychischen Erkrankungen wiederholt zu tun?

Hier haben wir das breite Spektrum von verschieden Störungen, wie z.B. Ängste (Versagensängste), Angststörungen und –erkrankungen, natürlich auch Einsatzschädigungen, Depressionen, PTBS, Suchterkrankungen, vor allem auch im kompensatorischen Sinne. Wir sehen diese Leute und bieten ihnen helfende Gespräche.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit nach der Behandlung in den Alltag zurückzukehren und dementsprechend „normal“ weiterzuleben?

Das würde ich nicht pauschalisieren, aber die Chancen, wieder in den Betrieb und das Leben zurückzukommen, sind bei Unterziehung einer Therapie gut.

Welche sind die wesentlichen Unterschiede zu einem zivilen niedergelassenen Psychologen und inwiefern sind diese für Sie spürbar?

Die sind deutlich spürbar. Das ist vor allem dadurch bedingt, dass wir innerhalb des Systems der Bundeswehr bzw. der Marine im Gegensatz zu Niedergelassenen Kenner der Materie sind. Wir sprechen die Sprache der Soldaten und sind in der Regel ehemalige oder zumindest ausgebildete Soldaten. Wir haben andere Herangehensweisen. Deshalb finde ich es auch wichtig, dass Einsatzgeschädigte intern behandelt werden, weil das am erfolgversprechendsten ist.

Herr Reil , vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Nele Klünder für marine.de.


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Stand vom: 14.02.17 | Autor: 


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