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Integration: Ein Kurde auf der „Bayern“

In See, 31.05.2017.
Diyar Seyyid-Alo ist 2001 aus Syrien geflohen. Er wollte seiner neuen Heimat etwas zurückgeben und dient seit 2012 in der Deutschen Marine. Seine Eltern musste er von seinem Berufswunsch erst überzeugen.

Seyyid-Alo steht vor der Fregatte „Bayern“ in Wilhelmshaven.

Für Obermaat Seyyid-Alo war der Weg nicht immer einfach. (Quelle: 2017 Bundeswehr / Inken Behne)Größere Abbildung anzeigen

Obermaat Diyar Seyyid-Alo sitzt vor einem Monitor in der Operationszentrale der Fregatte „Bayern“. „Das hier ist unser Frühwarnsystem, wir können Objekte anhand ihrer Radarsignatur identifizieren“, erzählt er. „Wir 28er geben dann die ausgewerteten Informationen an die Schiffsführung weiter.“ Der 24-Jährige, in Syrien aufgewachsene Kurde spricht fast schon euphorisch von seiner Tätigkeit als Unteroffizier der elektronischen Kampfführung und dem Bordleben. Sich schnell an neue Gegebenheiten anzupassen und Wissen schnell zu anzuhäufen, hat er schon früh gelernt. „Das alles hier zu erreichen war nicht ganz einfach. Mit viel Ehrgeiz habe ich es geschafft“, resümiert er.

Seit 2012 ist Diyar Marinesoldat. Seine Ausbildung hat er sich an der Marineunteroffizier- und der Marinetechnikschule in Plön und Parow geholt und wurde zum Spezialisten für den „Elektronischen Kampf Marine“. Das heißt er und seinem Team der Verwendungsreihe 28 sind auf der „Bayern“ hauptsächlich dafür zuständig, mit Radar und anderen elektronischen Anlagen das Seegebiet zu überwachen und eventuelle Gegner mit eigenen Systemen zu bekämpfen.

Als Diyar 1992 in Amouda, einer kurdischen Kleinstadt im Norden Syriens, geboren wurde, dachte er noch nicht an eine Zukunft in Deutschland. „Von der ersten bis vierten Klasse besuchte ich die staatliche Schule in Hassaké. Mir wurde aber schnell bewusst, dass ich von den Lehrern nicht so ganz behandelt wurde wie die anderen Kinder“, berichtet er. Sein tägliches Leben war eingeschränkt: Kurden in Syrien war es verwehrt, einen Pass zu beantragen, sie bekamen keinen Urlaub, durften in der Schule oder auf Ämtern die eigene Sprache nicht sprechen und mussten am Islamunterricht teilnehmen. „Man durfte sich nicht zu seiner eigenen Kultur bekennen“, erzählt er und fügt etwas verlegen hinzu: „Es ist schwer, neben seinem Cousin zu sitzen und sich zusammenzureißen, nicht Kurdisch zu sprechen, obwohl wir es außerhalb der Schule taten. Deshalb gab es wohl keinen Tag, an dem ich nicht mindestens mit zehn Stockhieben nach Hause gekommen bin.“

Diyars Odyssee führt ihn schließlich nach Bremen

Eines Tages ging alles sehr schnell: „Mein Vater hat mich zur Seite genommen und erklärt, dass ich meine Verwandten und meine Freunde zukünftig nicht mehr so schnell wiedersehen würde, weil wir nach Deutschland reisen“, berichtet er von seiner Flucht 2001. Die Situation für die Kurden in Syrien war immer schlechter geworden, sie unterlagen Handelsverboten und Zwangsenteignungen. Nach langer und gefährlicher Reise, auf der sich die Familie unter anderem Schleppern anvertrauen musste, um das Mittelmeer zu überqueren, traf der damals Neunjährige mit seinen Eltern und zwei Geschwistern schließlich in Bremen ein.

Nachdem alle Formalitäten wie Fingerabdrücke und Passfotos erledigt waren, brachte man die fünfköpfige Familie in einer Asylunterkunft unter. „Auch wenn die Mitarbeiterin vom Sozialamt die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hat, als sie uns zu fünft in unserem kleinen Zimmer hat wohnen sehen, war es für uns nach Jahren der Angst ein unglaubliches Geschenk, dort in Sicherheit wohnen zu dürfen“, erinnert er sich. „Generell waren die Deutschen damals sehr zuvorkommend und freundlich. Wir wurden ständig nach unserer Geschichte gefragt, als ob unser Schicksal unser deutschen Bekannten besonders berühren würde.“

„Als Kind lernst du eine Sprache auf dem Schulhof“

Nachdem Diyar 2002 anfing, die vierte Klasse der deutschen Grundschule zu besuchen, verbesserten sich seine Deutschkenntnisse rapide. „Als Kind lernst du eine Sprache auf dem Schulhof, nicht im Klassenzimmer“, sagt er. Währenddessen fanden seine Eltern Arbeit als Lagerlogistiker und Altenpflegerin. Ihre ehemaligen Berufe als Lehrer und Hebamme konnten sie aufgrund der deutschen Rechtslage nicht ausüben. Auch wenn Diyars Schulnoten bis zur sechsten Klasse ziemlich schlecht waren, überredete er seinen Vater, ihn auf die Realschule gehen zu lassen.

„Von der siebten bis zur zehnten Klasse habe ich mich sprachlich und schriftlich in Deutsch so weit verbessert, dass ich mein Ziel erreicht habe“, berichtet er. Er machte eine Ausbildung zum Informatik-Wirtschaftsassistenten und holte er sogar sein Abitur nach.

„Aber irgendetwas fehlte mir, ich wollte dem Land, das meiner Familie in der schwersten Zeit ihres Lebens Schutz geboten hat, etwas zurückgeben.“ Er spielte mit dem Gedanken, zur Bundeswehr zu gehen. Die Erzählungen seiner Eltern über Krieg und Elend ließen ihn jedoch vorerst davon Abstand nehmen. Ein freiwilliges Soziales Jahr als Arzthelfer sollte die Alternative sein. Diyars Wunsch aber, Soldat zu werden, blieb bestehen.

Aber nur zur Marine …

„Irgendwann habe ich noch ein weiteres Mal mit meinen Eltern gesprochen“, erinnert er sich. „Ich konnte sie letztlich überzeugen. Ihre Bedingung war aber, dass ich zur Marine gehe.“ Zu groß war die Angst, der Sohn müsse nach Syrien zurückkehren und würde dort getötet. „Es hatte sein Gutes, dass ich zur Marine und nicht zum Heer gegangen bin“, gibt er mit einem Schmunzeln zu.

In der Marine stieß er sofort auf aufgeschlossene und hilfsbereite Kameraden. „Vor allem die Fachbegriffe waren erst ein echtes Problem für mich“, gesteht er. Teil seines neuen „Teams“ sein zu dürfen, empfindet er als echtes Privileg. „Nur die Entwicklung der letzten Jahre in Deutschland bereitet mir Sorgen. Diese skeptischen Blicke, diese Menschen die mich in eine Schublade einordnen wollen. Das macht mich nervös“, sagt er etwas betroffen. Immer wieder bekomme er zu hören: „Oh, du sprichst ja richtig gut Deutsch, nicht so wie die anderen.“

Diyar Seyyid-Alo sitzt an seinem Arbeitsplatz in der Operationszentrale der „Bayern“.

Diyar Seyyid-Alo an seinem Arbeitsplatz in der Operationszentrale der „Bayern“ (Quelle: 2017 Bundeswehr / Inken Behne)Größere Abbildung anzeigen

„Diese Arroganz ärgert mich manchmal, als ob man als Deutscher mit Migrationshintergrund sowieso kein Deutsch sprechen könnte“, findet. Verglichen mit den Problemen in seiner Heimat sei seine Erfahrung in Deutschland aber das Beste, was ihm je wiederfahren sei, bestätigt er.

Gekonnt bewegt sich der 24-jährige Obermaat durch die Gänge der Fregatte. Nach einem Wirrwarr von Niedergängen und Schotten gelangt er schließlich zur Unteroffiziermesse. In gewohnter Manier setzt er sich auf seinen Stammplatz und unterhält sich kurz mit seinen Kameraden. Mit einem Blick in die Runde überlegt er kurz, dreht sich um und spricht, als ob er einige passende, abschließende Worte finden möchte: „Eigentlich versuche ich immer nur ein Vorbild für meine Geschwister zu sein. Mein Bruder studiert jetzt Physik, meine Schwester macht gerade ihr Abitur. Würden sich mehr Einwanderer so einbringen, wäre das viel besser für die Weltoffenheit in der deutschen Gesellschaft.“


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Stand vom: 07.06.17 | Autor: 


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