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TOXIC FISH 2016 im Kieler Marinestützpunkt

Kiel, 04.07.2016.
Das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen verpflichtet die Kapitäne der Nationen, die dieses unterzeichnet haben, jeder Person, die auf See in Lebensgefahr angetroffen wird, Hilfe zu leisten. Doch was passiert, wenn die aus höchster Seenot Geretteten plötzlich einen ABC-Alarm auslösen? Das diesjährige Szenario der Dekontaminationsübung TOXIC FISH 2016 vom 29. bis 30. Juni brachte allen Beteiligten wichtige Erkenntnisse und sensibilisierte sie dafür, wie schnell aus einer Übung Realität werden kann.

In der ABC Abwehr muss auch die Windrichtung beachtet werden.

In der ABC Abwehr muss auch die Windrichtung beachtet werden (Quelle: 2016 Bundeswehr / Steve Back)Größere Abbildung anzeigen

Das Übungsszenario ist komplex. Die Bundeswehr beteiligt sich an einem mandatierten Auslandseinsatz der Vereinten Nationen. Zu den übergeordneten Zielen zählen die Friedensstabilisierung und die Bekämpfung der Schleuserkriminalität. Das Hohlstablenkboot „Pegnitz“ der Deutschen Marine befindet sich im Rahmen des Mandats auf einer Überwachungsfahrt in küstennahen Gewässern. Unweit der „Pegnitz“ ist das Küstenmotorschiff MS „Yilon“ unterwegs. In diesem Moment kommt es zu einem tragischen Unglück. Eine gewaltige Explosion reißt ein großes Loch in die Bordwand der „Yilon“. Plötzlich wird die Ladung des Motorschiffes zur Bedrohung. Denn die Tanks der „Yilon“ sind gefüllt mit einem chemischen Pflanzenschutzmittel, das nun in großen Mengen ins Meer gelangt.

Die „Pegnitz“ macht an der Pier fest.

Festmachen an der Pier (Quelle: 2016 Bundeswehr / Steve Back)Größere Abbildung anzeigen

Nachdem der Kommandant der „Pegnitz“ den Notruf erhielt, handelt er sofort und nimmt Kurs auf die Position des Havaristen. Als das Hohlstablenkboot am Unglücksort eintrifft, droht die „Yilon“ bereits zu sinken. Das auslaufende Pflanzenschutzmittel hat sich in Form eines großen gelben Teppichs auf der Wasserfläche rund um den Havaristen gelegt und die Besatzungsangehörigen befinden sich in akuter Seenot. Nach Abschätzung der eigenen Gefährdungslage und Freigabe durch die zuständigen Stellen entscheidet der Kommandant, den um ihr Leben kämpfenden Menschen in Seenot unverzüglich zu helfen und sie an Bord zu nehmen. Vorher leitete er noch die notwendigen Schutzmaßnahmen ein, um seine Besatzung und sein Boot gegen mögliche Bedrohungen durch das auslaufende Pflanzenschutzmittel zu schützen. „Wir haben uns für dieses Szenario entschieden, da es jederzeit Realität werden kann. Schließlich sind jeden Tag überall auf der Welt zivile Schiffe unterwegs, welche Gefahrenstoffe transportieren. So können beispielsweise relativ gefahrlose chemische Substanzen im Falle einer Korrelation mit anderen Stoffen urplötzlich zu einer akuten Bedrohung werden, deren Wirkung dem Einsatz von Kampfstoffen gleichkommt“, so Fregattenkapitän Klaus Scholl, zuständiger Übungsleiter aus dem Marinekommando in Rostock.

Vorausschauende Einsatzplanung

Ein nicht kontaminierter Verletzter wird über das kontaminierte Oberdeck der „Pegnitz“ transportiert.

Transport eines Verletzten, der nicht kontaminiert ist, über das kontaminierte Oberdeck der „Pegnitz“ (Quelle: 2016 Bundeswehr / Steve Back)Größere Abbildung anzeigen

Die „Pegnitz“ rettet unter ABC-Schutz zwölf Besatzungsangehörige der „Yilon“. Die Verletzten weisen neben Verbrennungen und offenen Wunden auch typische Vergiftungserscheinungen, wie zum Beispiel Sehstörungen, Übelkeit, Kopfschmerzen, Erbrechen, Atemnot, Muskelzucken und Krampfanfälle auf.
Eine Analyse des Einsatzführungskommandos im Vorfelde des Einsatzes hatte ergeben, dass eine Bedrohung durch ABC-Kampf-/Gefahrenstoffe möglich ist. Aus diesem Grund befinden sich Spezialisten der Bundeswehr, die auf Dekontaminierungsaufgaben von Personal und Material spezialisiert sind, im Einsatz. Eine besondere Herausforderung stellt dabei die Dekontaminierung von verwundeten Personen dar. Hierfür setzt die Bundeswehr auf eine spezielle Dekontaminationsstation, die nun für die „Pegnitz“ mit den Verletzten an Bord das nächste Ziel darstellt. Mit dem Festmachen des Hohlstablenkbootes an der Pier beginnt nun die eigentliche Übung.

Besondere Herausforderungen von TOXIC FISH 2016

Der Patient wird in der Verwundeten-Dekontaminationseinrichtung vom Personal medizinische versorgt.

Medizinische Versorgung in der Verwundeten-Dekontaminationseinrichtung (Quelle: 2016 Bundeswehr / Steve Back)Größere Abbildung anzeigen

Eine professionelle, zielgerichtete und schnelle Verwundetenversorgung zählt zu den elementaren Grundfähigkeiten moderner Streitkräfte. Entsprechend hoch sind die Anforderungen und entsprechend häufig steht das Üben einzelner Teile der verschiedenen Rettungsketten auf der Agenda. Dabei ist der gemeinsame Ansatz, also die Beteiligung verschiedener Teilstreitkräfte der Bundeswehr, längst kein Novum mehr. Dennoch stellt es in den Details für die beteiligten Soldaten und Soldatinnen immer wieder eine Herausforderung dar. Oberstleutnant Marc Michalek, Kommandeur des ABC-Abwehrbataillons 7, das ebenfalls an der Übung beteiligt ist, bringt es auf den Punkt: „Die Identifizierung und Harmonisierung der vorhandenen Schnittstellen zwischen den beteiligten Einsatzelementen von Marine, Streitkräftebasis und dem Sanitätsdienst ist das Ziel. Es hakt ganz häufig an den kleinen Dingen und hier gilt es, das wir zueinander finden.“

Admiralarzt Dr. Stephan Apel schaut bei der Übung genauer hin.

Admiralarzt Dr. Stephan Apel bei TOXIC FISH 2016 (Quelle: 2016 Bundeswehr / Steve Back)Größere Abbildung anzeigen

Der Umgang mit den unterschiedlichsten ABC-Bedrohungen nimmt naturgemäß keine Rücksicht auf Verfahrensfragen. Hier hilft nur absolute Professionalität und das Einleiten der richtigen Maßnahmen. Eine extreme Herausforderung bei der Übung TOXIC FISH ist die Behandlung von kontaminierten Verwundeten. Nachdem die verletzten Besatzungsmitglieder MS „Yilon“ von der „Pegnitz“ sicher an Land gebracht wurden, kamen sie unverzüglich in die Dekontaminationseinrichtung. „Diese auf der Basis luftgestützter Zelte Dekontaminationsstation bringt viele Vorteile mit sich. Wir gewinnen wichtige Zeit, da sie schnell aufzubauen ist und durch das Schienensystem die Verwundeten zügig versorgt werden und anschließend vollständig dekontaminiert in ein Krankenhaus gebracht werden können“, beschreibt Major Stephan Hube, Kompaniechef des Sanitätslehrregiments aus Feldkirchen, diese spezielle Verwundeten-Dekontaminationseinrichtung.

Insgesamt bringt auch die aktuelle Auflage der Übung TOXIC FISH allen Beteiligten Kräften viele wichtige Erkenntnisse. Fregattenkapitän Scholl hebt diese jedoch noch einmal auf eine übergeordnete Ebene: „Die Verschmelzung der militärischen ABC-Abwehr und des medizinischen ABC-Schutzes gewinnt angesichts aktueller ziviler und militärischer Bedrohungslagen zunehmend an Bedeutung. Die Bundeswehr muss hierfür die geeigneten Streitkräfte-gemeinsamen Fähigkeiten vorhalten, um darauf angemessen reagieren zu können. Die Übungs-Serie TOXIC FISH leistet hierzu ihren Beitrag mit einen besonderen Fokus auf den Einsatzbereich von Seestreitkräften.“


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Stand vom: 08.07.16 | Autor: 


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